Feldversuch: Hilft Gentechnik gegen Kartoffelfäule?

Die Schweizer Forschungsanstalt Agroscope darf in Kooperation mit niederländischen und schwedischen Wissenschaftler:innen auf ihrer Feldversuchsfläche in Zürich bis zum Jahr 2030 gentechnisch veränderte Kartoffeln anbauen. Das erlaubte das Bundesamt für Umwelt Anfang Mai. Die Erdäpfel sollen gegen den Pilz resistent sein, der die Kraut- und Knollenfäule auslöst. Doch während Gentechniker:innen schon seit 20 Jahren versuchen, solche Kartoffeln herzustellen, gibt es längst konventionell gezüchtete Sorten, die der Krankheit widerstehen.

Auf bis zu 0,7 Hektar Fläche darf Agroscope von 2026 bis 2030 gentechnisch veränderte Kartoffeln der Linie P49-27 anbauen. Forschende der Universität Wageningen in den Niederlanden haben dazu in Knollen der Sorte Innovator das Gen Rpi-chc1 aus einer Wildkartoffelart eingefügt - ganz klassisch, mit Hilfe eines Agrobacteriums als Transportmittel. Cisgenese heißt diese gentechnische Veränderung, bei der ein arteigenes Gen in eine Pflanze eingebaut wird. Sowohl im Labor als auch in Feldversuchen in den Niederlanden sei die Kartoffellinie P49-27 über mehrere Generationen stabil resistent gewesen gegen Kraut- und Knollenfäule, heißt es im Genehmigungsbescheid des Schweizer Bundesamtes für Umwelt (BAFU). Dort steht auch, dass die klassische Gentechnik-Knolle bald ergänzt werden solle durch weitere, separat zu bewilligende Kartoffelpflanzen aus dem sogenannten CRISPS-Projekt. Dieses Projekt soll mit neuen gentechnischen Verfahren wie Crispr/Cas Kartoffeln erzeugen, die resistent gegen Krankheiten und widerstandsfähig gegen Trockenstress sind. Dabei arbeitet Agroscope mit den Universitäten in Wageningen und im schwedischen Uppsala zusammen. Die Schweizer Regierung unterstützt das Projekt im Rahmen ihres Nationalen Forschungsplans (NFP84 - Innovationen in Pflanzenzüchtung) mit fast 1,2 Millionen Schweizer Franken. Das entspricht 1,3 Millionen Euro.

In ihrer Begründung für CRISPS schreiben die drei Projektpartner, dass es mit herkömmlicher Züchtung zwölf Jahre dauere, eine neue Kartoffelsorte zu entwickeln. Tatsächlich fügen Gentechniker:innen bereits seit gut 20 Jahren immer wieder Resistenzgene aus Wildkartoffeln in Kulturkartoffeln ein. Im Freisetzungsregister der EU finden sich Feldversuche von BASF in mehreren EU-Ländern aus den Jahren 2006 bis 2012. Auch in Schweden (2005) und den Niederlanden (2010) wurden solche Knollen angebaut. In der Schweiz führte Agroscope von 2015 bis 2019 Feldversuche mit cisgenen Kartoffeln aus Wageningen durch. Keine einzige dieser Knollen kam je auf den Markt.

Auf dem können Kartoffelbauern zum Glück auf zahlreiche herkömmliche Sorten zurückgreifen, die der von dem Pilz Phytophthora infestans verursachten Kraut- und Knollenfäule widerstehen. So hat der niederländische Saatkartoffelanbieter Agrico aktuell zehn gentechnikfreie Sorten im Programm, bei denen jeweils fünf verschiedene Gene Schutz vor Phytophthora bieten. Denn ein einzelnes Gen, wie Rpi-chc1 in dem Agroscopeversuch, kann der anpassungsfähige Pilz nach wenigen Jahren überwinden und so die Resistenz durchbrechen. Das Unternehmen Europlant bietet zwölf Sorten an, die der Bioland-Verband als überdurchschnittlich widerstandsfähig gegen Krautfäule anerkennt.

Das Internationale Kartoffelzentrum CIP in Peru hat im April seine 2021 vorgestellte resistente Knolle CIP-Matilde nach weiteren Anbauversuchen als Sorte angemeldet. Und die gentechnikfreie Züchtung entwickelt sich weiter. In Deutschland hatten mehrere Institute zusammen mit Biolandwirt:innen und deren Verbänden von 2012-2018 durch die gezielte Kreuzung moderner Sorten mit genetisch vielfältigen und verwandten Kartoffelarten neue Stämme gezüchtet, die dem Erreger der Kraut- und Knollenfäule besser widerstehen können. In Folgeprojekten wurden und werden weitere Zuchtziele wie Nährstoffeffizienz und Stresstoleranz bearbeitet.

Dass es längst gentechnikfreie Alternativen zur nun genehmigten Gentechnik-Knolle gibt, ist nicht der einzige Kritikpunkt an dem vom BAFU genehmigten Versuch. Die Schweizer Allianz Gentechfrei (SAG) weist darauf hin, dass die angebaute Sorte Innovator schon von sich aus nur gering bis mittelmäßig anfällig sei für Kraut - und Knollenfäule. Sie sei auf eine industrielle Landwirtschaft mit hohem Stickstoffbedarf ausgerichtet und passe nicht in eine nachhaltige und ressourceneffiziente Landwirtschaft. Die SAG kritisiert auch, dass von den vorhergegangenen Versuchen mit dem gleichen, in andere Sorten eingefügten Gen bis heute keine wissenschaftliche Publikation veröffentlicht wurde. Ferner habe die Universität Wageningen das eingefügte Gen patentieren lassen, „was den freien Zugang zu genetischen Ressourcen für die konventionelle Züchtung blockieren könnte“, schreibt die SAG.

Schließlich weist sie darauf hin, dass der Professor für Pflanzenbiotechnologie Per Hofvander, der die Universität von Uppsala in dem Projekt CRISPS vertritt, Mitgründer des Unternehmens SolEdits ist. Aktuell fungiert er dort laut Unternehmenswebsite sowohl als Vorstandsmitglied als auch als wissenschaftlicher Leiter. SolEdits bietet Dienstleistungen rund um geneditierte Kartoffeln an und ist Mitglied im Projekt Oppotunity. Dort arbeiten zahlreiche europäische Züchter und Kartoffelstärkehersteller daran, Stärkekartoffeln mittels Crispr/Cas resistent gegen Krautfäule zu machen. Die SAG sieht hier einen nicht offengelegten Interessenkonflikt wegen möglicher privater Profitinteressen. Sie schreibt: „Vieles deutet darauf hin, dass die Forschung aus öffentlichen Geldern primär Akteuren im Ausland dient.“

Zu diesen Argumenten muss demnächst auch der Bundesrat, also die Schweizer Regierung, Stellung nehmen. Denn der Abgeordnete und Landwirt Alois Huber von der Schweizer Volkspartei hat sie in einer Interpellation aufgegriffen. Das Gesetz sieht vor, dass der Bundesrat eine Interpellation in der Regel bis zur nächsten Sitzungsperiode des Nationalrats schriftlich beantwortet. Das wäre bis zum 1. Juni 2026. [lf]

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