Russell Building, Rothamsted Research. Foto:Loxdale, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rothamsted_main_building.jpg, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

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Großbritannien: Regierung treibt neue Gentechnik voran

Die britische Regierung will ihr Land zu einem Zentrum für neue gentechnische Verfahren in der Land- und Lebensmittelwirtschaft (NGT) ausbauen. Dafür investiert sie viele Millionen Euro in anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung. Die Zahl der Feldversuche steigt und eine NGT-Gerste ist als erste Pflanze nach der neuen Gesetzgebung für die Vermarktung als Viehfutter in England zugelassen worden. Doch noch steht eine Gerichtsentscheidung an.

QuberTech heißt eine Firma, die mit Hilfe neuer gentechnischer Verfahren (NGT) den Gummirohstoff Latex aus Löwenzahn gewinnen will. Die Wurzeln dieser Pflanze enthalten Latex, allerdings nur in so geringen Mengen, dass es unwirtschaftlich ist, den Rohstoff zu extrahieren. QuberTech will nun herausfinden, mit Hilfe welcher Gene sich die Latex-Produktion steigern lässt, um die Pflanzen anschließend in großem Stil in Gewächshäusern in Nährlösung wachsen zu lassen. In drei bis vier Jahren könnte es nach Angaben des Unternehmens so weit sein. Dafür hat QuberTech vom britischen Landwirtschaftsministerium (Defra) Ende Januar 2025 rund 2,2 Millionen Euro Förderung erhalten.

Gelder von Defra bekamen auch sechs weitere Projekte mit gentechnisch veränderten Pflanzen, die in einem Wettbewerb ausgewählt wurden. So erhielt das Unternehmen Precision Plants gut eine Million Euro, um klimatolerante Nutzhanfsorten zu entwickeln. Mit 1,35 Millionen Euro förderte das Ministerium die britische Zuckerindustrie, damit sie Zuckerrüben herstellen kann, die gegen das Yellow Virus resistent sind. Der von Blattläusen übertragene Organismus lässt die Blätter vergilben. 1,1 Millionen Euro gingen an das John Innes Centre, damit es seine Vitamin D-haltige Tomate weiter kommerzialisieren kann. Insgesamt 14,5 Millionen Euro schüttete das Ministerium in diesem Wettbewerb aus.

Daneben fördert Defra fünf Zuchtprogramme (Genetic Improvement Networks, GIN) mit jeweils 3,5 Millionen Euro, verteilt über die Jahre 2024 bis 2029. Darin befassen sich Forschungseinrichtungen und Unternehmen gemeinsam mit Raps, Weizen, Hülsenfrüchten, Gemüse und Beeren. In diesen Züchtungsprogrammen, die alle schon länger laufen, sollen neue gentechnische Verfahren eingesetzt werden, um Pflanzen widerstandsfähiger zu machen oder höhere Erträge zu erzielen. Damit solche Pflanzen möglichst schnell aufs Feld kommen, unterstützt Defra mit 2,5 Millionen Euro von 2024 bis 2027 die Plattform Probity. Sie organisiert Anbauversuche – aktuell mit NGT-Weizen und Gerste – von Landwirt:innen, die zusammen mit Forschenden und verarbeitenden Unternehmen ausgewertet werden. Initiiert hat die Plattform ein Netzwerk NGT-begeisterter Landwirte namens Bofin (British on-farm innovation network). Es organisiert ab diesem Jahr auch Versuche mit NGT-Raps, der gegen die Blattfleckenkrankheit, eine Pilzinfektion, resistent sein soll. Defra-Zuschuss: 2,9 Millionen Euro für drei Jahre.

Diese Anbauversuche sind nicht die einzigen NGT-Pflanzen, die in Großbritannien getestet werden. Aktuell listet die Organisation Beyond GM 24 Gentechnik-Experimente auf britischen Äckern auf. Dazu zählen NGT-Weizen, -Raps und -Leindotter, die höhere Erträge liefern sollen. Bei Kartoffeln steht eine längere Lagerung im Vordergrund und Tomaten sollen süßer schmecken und sich besser maschinell ernten lassen. Nachdem seit November 2025 die britischen Regelungen zum Umgang mit NGT-Pflanzen in Kraft sind, können die Ergebnisse solcher Feldversuche schnell auf den Markt kommen. Denn die Behörde prüft lediglich, ob eine angemeldete Pflanze als NGT-Pflanze im Sinne des Gesetzes gilt. Im eigens dafür eingerichteten Verzeichnis des Ministeriums findet sich schon ein erster Eintrag: Das Forschungsinstitut Rothamsted Research darf eine Gerste vermarkten, die so manipuliert wurde, dass der Fettgehalt in ihren Blättern ansteigt.

Dazu hatten Forschende des Instituts zwei Gene verändert, die fettabbauende Enzyme regulieren. Der höhere Fettgehalt soll die Qualität des Futters steigern und die Methanemissionen der damit gefütterten Rinder verringern, heißt es in der Vermarktungsnotiz. Den Anbau hatten in den letzten beiden Jahren Betriebe im Probity-Netzwerk getestet. Nun will Rothamsted Research als nächstes Fütterungsversuche durchführen. Da Milch und Fleisch der Versuchstiere verkauft werden sollen, hat es die Gerste zur Vermarktung angemeldet und die Freigabe als Viehfutter bekommen. Allerdings beschränkt auf England, da Schottland und Wales dem neuen Gentechnikgesetz nicht zugestimmt hatten. Als eines der nächsten Produkte könnte die Vitamin D-haltige Tomate des John Innes Centre die Vermarktungsfreigabe erhalten. Derzeit laufen Tests mit freiwilligen Probanden, um zu zeigen, dass der Vitamin D-Spiegel in ihrem Körper tatsächlich steigt, wenn sie diese Tomaten essen.

Es könnte aber auch ganz anders kommen. Denn der für Zivilverfahren zuständige High Court verhandelt eine im August 2025 eingereichte Klage von Beyond GM gegen die britischen NGT-Regelungen. Für den 12. und 13. Mai ist eine mündliche Verhandlung angesetzt. „Das bedeutet, dass das Gericht unseren Fall als schwerwiegend, stichhaltig und einer umfassenden Prüfung würdig erachtet“, schrieb Beyond GM. [lf]

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