In der am 7. Juli veröffentlichten Nutztierstrategie der EU-Kommission heißt es: „Modernste genomische Verfahren und Tierzuchttechniken sind sowohl für die Wirtschaft als auch für die Umwelt von Vorteil. Sie führen zu einem geringeren Futtermittelverbrauch und geringeren Emissionen, was Einsparungen für die Landwirtinnen und Landwirte bedeutet und sie weniger anfällig gegenüber Preisschwankungen macht.“ Weiter erwähnt die EU-Kommission das „Potenzial genetischer Verbesserungen“ als eine der Möglichkeiten, Treibhausgasemissionen zu reduzieren.
Die EU-Behörde argumentiert also bei neuen gentechnischen Verfahren (NGT) für Nutztiere ebenso wie bei Pflanzen und Mikroorganismen: Sie behauptet, diese Techniken hätten Vorteile für Klima, Umwelt und Landwirtschaft, und verliert kein Wort über mögliche Risiken. Flankiert wird sie dabei von Veröffentlichungen der EU-Lebensmittelbehörde EFSA, die sie selbst dort 2018 in Auftrag gegeben hat – zusammen mit bereits vorgelegten Berichten über NGT-Pflanzen und Mikroorganismen. Im Sommer 2023 veröffentlichte die EFSA eine Übersicht, an welchen neuen gentechnischen Veränderungen von Tieren Forschungslabore in aller Welt arbeiten. Sie listete knapp 200 Anwendungen auf: Da finden sich virusresistente Schweine ebenso wie Fische, die mehr Fleisch liefern sollen, oder Legehennen, die nur noch Eier mit weiblichen Nachkommen legen.
Im Sommer 2025 verkündete die EFSA dann, dass sie keine neuen Risiken sehe, wenn mit NGT in das Erbgut von Tieren eingegriffen werde. Ebenso wie bei ihren viel kritisierten Veröffentlichungen zu NGT in Pflanzen schrieben die EFSA-Expert:innen auch hier, dass die Risiken kleinerer Eingriffe ins Erbgut inklusive unerwarteter Nebenwirkungen mit konventioneller Züchtung vergleichbar seien. Da sie ihre Position im Frühjahr 2025 vorab zur Diskussion gestellt hatte, lag den EFSA-Expert:innen die gesammelte wissenschaftliche Kritik daran vor. Wie schon bei Pflanzen und Mikroorganismen schoben sie diese unbeachtet zur Seite. Wie in diesen Fällen auch ist damit zu rechnen, dass die EU-Kommission in einem nächsten Schritt einen Verordnungsentwurf vorlegen wird, der die Zulassungsregeln für NGT-Tiere aufweichen wird.
In einem Brief an die für Landwirtschaft und Gesundheit zuständigen EU-Kommissare haben deshalb zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) noch einmal aufgelistet, warum sie es ablehnen, das Gentechnikrecht zugunsten von mit NGT veränderten Tieren zu ändern. Sie verweisen darin auf die schon bestehenden Probleme mit Tieren, die auf Höchstleistungen gezüchtet wurden. Sie halten es für falsch, Nutztiere gentechnisch zu verändern, um sie an bestehende tierquälerische Haltungsbedingungen anzupassen. Die NGOs kritisieren auch, dass es mit zusätzlichem Tierleid verbunden sei, wenn Embryos manipuliert oder Tiere geklont werden, um NGT-Tiere herzustellen. Auch könnten sich Tiere dabei falsch entwickeln oder gesundheitlich Schaden nehmen. Schließlich könnten sich gentechnische Veränderungen sehr schnell in den Beständen verbreiten und es sei bei negativen Erfahrungen schwierig, sie wieder zurückzuholen.
Daher sei es unabdingbar, das Risiko solcher Eingriffe zu bewerten, solche Tiere und deren Produkte zu kennzeichnen und sicherzustellen, dass sie nachverfolgt werden können. Die Sicherheitsregeln des Gentechnikrechts aufzuheben „bevor vollständig erforscht sei, wie sich dies langfristig auf das Tierwohl, die biologische Vielfalt, die Ökosysteme und die Ernährungssysteme auswirkt, wäre unvereinbar mit dem Vorsorgeprinzip der EU und ihrem Kommitment zur nachhaltigen Landwirtschaft“, heißt es in dem Schreiben. Es schließt mit dem Hinweis, dass sich die Ziele der Nutztierstrategie auch ohne NGT bei Tieren erreichen ließen.
Testbiotech weist darauf hin, „dass NGTs das Erbgut von Tieren in viel größerem Umfang für Veränderungen verfügbar machen als bisherige Techniken“. Weil sich aus diesem technischen Potenzial zahlreiche Risiken ergäben, „sollte die EU sicherstellen, dass neben der Risikoforschung und Risikoprüfung auch eine vorausschauende Technikfolgenabschätzung gesetzlich verankert wird“. In den USA dürfen erste NGT-Tiere wie Rinder mit kurzen Haaren oder virusresistente Schweine schon vermarktet werden. Die Umweltorganisation Friends of the Earth hat dort in einer Broschüre die Risiken dargestellt und empfiehlt, alle Zulassungsverfahren auszusetzen, eine ordentliche Risikoabschätzung einzuführen und die eingereichten Daten zu veröffentlichen.
Auch der Bundesverband Rind und Schwein, der die konventionelle Tierhaltung in Deutschland vertritt, hat sich zu NGT bei Tieren positioniert. Er spricht sich dafür aus, die „Potenziale neuer Züchtungsmethoden differenziert (zu) betrachten“, mit dem Ziel, langfristig zu sichern, dass die deutsche und europäische Nutztierhaltung wettbewerbsfähig bleibt. Dazu sollen bestimmte NGT-Verfahren mit konventionellen Zuchtmethoden gleichgesetzt werden. Gleichzeitig sollen NGT bei Tieren risikobasiert geregelt sowie transparent gekennzeichnet und dokumentiert werden. Auch dürfe es keine Patente auf NGT-Tiere geben. Nutztiere aus Drittländern sollten schließlich erst zugelassen werde, wenn es marktreife europäische Entwicklungen gebe, heißt es im Positionspapier des Verbandes. [lf]