Wie die Nachrichtenagentur Reuters schrieb, sei in Kanada ein Krieg um Gentechnik-Senf ausgebrochen: Dijon gegen Canola. Aus der Stadt Dijon kommt der bekannteste französische Senf. Doch die meisten Körner für diesen Senf wachsen nicht in Frankreich, sondern in der Mitte Kanadas, in der trockenen Provinz Saskatchewan. Deren Farmer decken die Hälfte des weltweiten Senfbedarfs. Ihre Kunden in Europa und Japan legen großen Wert darauf, dass die Pflanzen gentechnikfrei sind. Bisher konnten die Senfbauern von Saskatchewan das garantieren. Doch jetzt sehen sie eine gentechnische Bedrohung am Horizont: Canola. Das Wort steht für Raps, dessen Samen keine scharfen Senföle und maximal zwei Prozent der ungesunden Erucasäure enthalten – also für den gängigen Ölraps. Der ist das wichtigste landwirtschaftliche Exportprodukt Kanadas, wächst auf 8,9 Millionen Hektar und ist zu 95 Prozent gentechnisch verändert (gv). Bisher konnten die Senfbauern verhindern, dass ihre Produkte gentechnisch verunreinigt werden. Doch nun kommt BASF.
Der Gentechnikkonzern ist ein wichtiger Anbieter von gv-Rapssaatgut. Erst Mitte März teilte er mit, 17 Millionen Euro in sein kanadisches Rapszüchtungszentrum zu investieren. Schon Mitte 2025 kündigte das Unternehmen an, eine gegen das Herbizid Glufosinat resistente Rapssorte auf den Markt zu bringen, InVigor Gold. Das Besondere daran: Dieser Raps ist eigentlich ein Senf. Brauner Senf (Brassica juncea) und Raps (Brassica rapa oder Brassica napus) sind Schwestern. Allerdings verträgt Senf Trockenheit und Hitze besser. Deshalb haben Züchtungsorganisationen schon vor Jahrzehnten die Senfpflanze mit herkömmlichen Züchtungsmethoden so bearbeitet, dass sich aus ihren Körnern ein Öl pressen lässt, das die Qualitätskriterien für Speiserapsöl einhält: Die ersten dieser Canola Quality-Senfpflanzen kamen 2002 in Kanada und 2007 in Australien auf den Markt, konnten sich aber nicht durchsetzen. Die Erträge waren zu niedrig und die Rapsbauern stiegen damals auf herbizidresistenten gv-Raps um. Den gab es nur als Brassica napus.
BASF hat für InVigor Gold die für Brassica napus verwendete Glufosinat-Resistenz auch in Brassica juncea-Pflanzen eingekreuzt. Und das schon vor längerer Zeit. Bereits 2019 beantragte BASF in der EU, eine als RF3 bezeichnete gentechnisch veränderte Canola Quality Brassica juncea als Lebens- und Futtermittel zuzulassen. Die Zulassung steht immer noch aus, zuletzt hatte die EU Lebensmittelbehörde EFSA im August 2023 zusätzliche Unterlagen verlangt. Bis 1. Juni 2027 soll laut EFSA-Webseite über die Zulassung entschieden sein. Auf Nachfrage hat BASF bestätigt, dass Invigor Gold der Handelsname für diesen RF3-Raps ist. Parallel will der Konzern für diese gv-Pflanze nun in den USA und Kanada die Anbauzulassung beantragen. 2027 soll der kommerzielle Anbau in den USA beginnen und in den darauffolgenden Jahren auch in Kanada. Vorausgesetzt, dass die Zulassungsanträge bis dahin genehmigt sind. BASF bewirbt seinen Rapsöl-produzierenden gv-Senf ausdrücklich als hitze- und trockentolerant und für ärmere Böden geeignet. Es zielt damit genau auf die Anbaugebiete, in denen bisher wenig Raps wuchs – wie in den trockenen Regionen von Saskatchewan.
Sollte dort InVigor Gold angebaut werden, befürchtet Rick Mitzel, Vorstandsvorsitzender der Senfproduzentenorganisation SaskMustard, das Schlimmste: „Wir wissen, dass dies letztendlich die Senfindustrie in Kanada zerstören wird, dass dies das Ende bedeuten wird“, sagte er dem Fachblatt "The Western Producer". Denn es lasse sich nicht verhindern, dass der Rapsöl-Senf die anderen Senfpflanzen gentechnisch verunreinige. Durch Pollen, die vom Wind oder Insekten verbreitet würden und durch Vögel, die Samen transportieren. Die Kunden in Frankreich seien sehr besorgt über diese Entwicklung, fügte Mitzel hinzu. Er und seine Kolleg:innen erinnern immer wieder an die gentechnische Verunreinigung von kanadischen Leinsamen im Jahr 2009. Den wollte deshalb in Europa über Jahre hinweg niemand mehr kaufen.
SaskMustard und die anderen Organisationen der Senferzeuger wollen versuchen, die Zulassung von InVigor Gold in Kanada zu verhindern, sehen sich aber in einer Auseinandersetzung David gegen Goliath. Denn der Senfanbau bringt 150 Millionen US-Dollar an Umsatz, beim Raps sind es neun Milliarden Dollar, wie die Nachrichtenagentur Reuters vorrechnete. Zudem sei der Einfluss auf andere Märkte im Zulassungsverfahren kein Thema, zitierte Reuters einen Senfanbauer. „Natürlich sind wir uns bewusst, dass Bedenken hinsichtlich eines möglichen Risikos der Kreuzkontamination bestehen“, sagte ein BASF-Manager dem Western Producer. Deshalb arbeite das Unternehmen, das am 30.4. seine Jahreshauptversammlung abhalten wird, aktiv mit der Senfbranche daran, einen Weg zur Koexistenz zu finden. [lf]