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Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut (re.) mit der Wissenschaftlerin Maren Kruse-Plaß an einem Passivsammler für Pestizide in der Luft. Foto: Christoph Stache
Karl Bär vom Münchner Umweltinstitut (re.) mit der Wissenschaftlerin Maren Kruse-Plaß an einem Passivsammler für Pestizide in der Luft. Foto: Christoph Stache

Studie: Pestizide sind überall in Deutschlands Luft

02.10.2020

Egal wo die Deutschen sich bewegen: In der Stadt oder im Naturschutzgebiet auf dem Harzer Brocken, überall atmen sie Pestizide ein. Das ergab eine Studie, die vom Umweltinstitut München und dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft in Auftrag gegeben und diese Woche vorgestellt wurde. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nannte die Ergebnisse der Studie „besorgniserregend – nicht nur für den Ökolandbau, sondern auch für die Natur“.

Für die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ wurden von März bis November 2019 an 163 Standorten in ganz Deutschland Pestizide in der Luft gemessen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Wissenschaftler des Forschungsbüros „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ konnten unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potentiellen Ursprungs-Äckern nachweisen. An rund drei Vierteln aller untersuchten Standorte wurden jeweils zwischen fünf und 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren, teilte das Umweltinstitut München mit.

«Wir wissen überhaupt noch nicht, wie dieser Cocktail aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln am Ende wirkt», warnte Bundesumweltministerin Schulze bei der Vorstellung der Studie. Die Bundesregierung habe sich bereits grundsätzlich darauf verständigt, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel zu reduzieren. Aktuell diskutiere ihr Ministerium seine Vorschläge mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, so die SPD-Politikerin. Auch die EU-Kommission plane in ihrer „Farm to Fork“-Strategie, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis zum Jahr 2030 um die Hälfte zu reduzieren. Karl Bär vom Umweltinstitut forderte die Bundesregierung auf, sofort zu handeln. „Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssen sofort verboten werden.“ Der Agrarreferent kritisierte ferner, dass die kilometerweite Verwehung von Pestizidwirkstoffen durch die Luft bislang im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt werde.

Ein großes Problem ist dieser kilometerweite „Ferntransport“ der Pestizide auch für die biologische Landwirtschaft. „Die Pestizide gelangen über die Luft auf Getreide, Obst und Gemüse, das von Bio-Bäuerinnen und -Bauern naturverträglich und ohne den Einsatz chemisch-synthetische Pestizide angebaut wurde“, erläuterte Boris Frank, Vorsitzender des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Bislang trage die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst. Frank forderte stattdessen einen Schadensausgleichs-Fonds, aus dem Öko-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte entschädigt werden. Diesen sollten die Pestizid-Hersteller mit zehn Prozent ihrer jährlichen deutschen Umsatzerlöse speisen.

Der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA) sagte der Nachrichtenagentur dpa, die neue Studie liefere wertvolle und deutschlandweite Daten zur Verbreitung von Pestiziden über die Luft. Bisher sei die Datenlage dazu sehr dürftig. Für Abstände bis zu 20 Metern werde in der Zulassung untersucht, ob Spritzmittel die Umwelt schädigen könnten. Weiter entfernt gefundene Konzentrationen hätten zumindest unmittelbar keine Gefahr für Tiere und Pflanzen, da sie überwiegend deutlich unter dem lägen, was im Nahbereich zugelassen würde. «Eine gewisse Sorge bereitet uns der Ferntransport dennoch», sagte Dirk Messner. Es sei durchaus denkbar, dass sich Wirkstoffe an anderen Orten kombinierten und gewissermaßen als Cocktail auf Tiere und Pflanzen wirkten.

Der Pestizidexperte der Grünen im Bundestag, Harald Ebner, forderte die Behörden auf, besonders im aktuellen Zulassungsverfahren für Glyphosat diesen Erkenntnissen endlich Rechnung zu tragen und das reale Luftverfrachtungsrisiko bei allen Wirkstoffen zu prüfen. Auch Gesundheitsschäden über das Einatmen von belasteter Luft und durch das Zusammenwirken mehrerer Pestizide seien bislang nicht oder nur ungenügend bei der Risikobewertung berücksichtigt worden. Für das Pflanzengift Glyphosat, das in Europa bis Ende 2022 zugelassen ist, hat ein Herstellerkonsortium unter Führung des Bayer-Konzerns bereits wieder einen Verlängerungsantrag gestellt. [vef]