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Foto: spekulator / stock.xchng

Glyphosat-Studie: Wissenschaftler verschwieg Zahlungen von Monsanto

09.12.2019

Der angesehene Agrarprofessor Michael Schmitz hat im Auftrag des Chemiekonzerns Monsanto Studien über dessen Herbizidwirkstoff Glyphosat erstellt. Veröffentlicht wurden die Papiere ohne Angabe des Geldgebers als unabhängige wissenschaftliche Arbeiten. Das belegen Recherchen der Organisation Lobbycontrol, über die Süddeutsche Zeitung und das TV-Magazin Monitor berichteten.

Ein Glyphosat-Verbot würde in der Europäischen Union Wohlstandsverluste in Milliardenhöhe verursachen. Mit dieser Botschaft warben die Bayer-Tochter Monsanto und andere Glyphosathersteller für eine Verlängerung der Zulassung des Wirkstoffs. Als Beleg diente ihnen eine Studie des Gießener Agrarökonomen Michael Schmitz von der Justus Liebig Universität (JLU) Gießen. Der Gießener Professor, seit 2015 in Ruhestand, zählte zu den angesehensten Experten seines Fachs, beriet Bundesregierung und EU-Gremien. Seine Studie über die Unverzichtbarkeit von Glyphosat erschien 2012 im Journal für Kulturpflanzen des bundeseigenen Julius-Kühn-Instituts. Eine weitere Arbeit über Glyphosat legte er 2015 vor. In beiden Aufsätzen firmierte er unter Universität Gießen. Erstellt hatte Schmitz die Studien jedoch für das von einem Verein getragene Institut für Agribusiness (IAB). Institut und Verein hatte Schmitz laut Süddeutscher Zeitung (SZ) „Anfang der 90er Jahre mit Landwirtschaftspolitikern und Lobbyisten aus der Agrar-, Saatgut- und Chemieindustrie gegründet“. SZ und Monitor präsentierten Unterlagen, die belegen, dass diese Studien von Monsanto beauftragt und finanziert wurden. Auf Nachfrage habe der Bayer-Konzern, zu dem Monsanto inzwischen gehört, dies bestätigt, schrieb die SZ. Schmitz dagegen hätte zuvor behauptet, die Expertisen seien „ohne Förderung durch Dritte“ entstanden. Der Professor betonte gegenüber der SZ, dass seine Studien „mit anspruchsvollen wissenschaftlichen Methoden“ entstanden seien und seine Unabhängigkeit gewahrt gewesen sei.

Ulrich Müller von LobbyControl kritisierte das Verschleiern der wirtschaftlichen Interessen hinter den Studien: „Monsanto benutzte Kronzeugen mit Professorentitel, um den eigenen Botschaften Glaubwürdigkeit zu verleihen und sich mehr Gehör in der Öffentlichkeit und Politik zu verschaffen“. Diese Form von verdeckter Einflussnahme sei inakzeptabel, sagte Müller. Er forderte Bayer auf offenzulegen, welche Wissenschaftler und Studien Monsanto für Lobbyzwecke finanzierte. „In der Debatte um die erneute Glyphosat-Zulassung dürfen nicht erneut Studien als neutrale Wissenschaft verwendet werden, die in Wirklichkeit von der Industrie beauftragt und bezahlt wurden“, sagte Müller. Er wies darauf hin, dass Bayer CropScience selbst im Vorstand des IAB-Trägervereins vertreten gewesen sei und lange Jahre mit dem Institut und Professor Schmitz zusammengearbeitet habe. Die Universität Gießen sagte, sie wolle den Fall prüfen. Die Uni hat laut Lobbycontrol bisher in ihrer Satzung zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis keine Regeln zur Angabe von Finanzierungsquellen in der Auftragsforschung.

Für Olaf Bandt, Vorsitzender des Umweltverbandes BUND, belegt der Fall erneut „die unlauteren Methoden der Bayer-Tochter Monsanto“. Es sei unerhört, „dass Konzerne Forschungsergebnisse diktieren und Verbraucherinnen und Verbraucher hinters Licht zu führen versuchen“. Im November hatte der BUND eine Recherche vorgelegt, die aufzeigte, wie die Industrie Einfluss auf das behördliche Bewertungsverfahren zu Glyphosat nahm. Darin heißt es, die Behörden, insbesondere das für die gesundheitliche Bewertung von Glyphosat zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung, seien „den Herstellern mehr als Dienstleister gegenübergetreten und weniger als unabhängig bewertende Behörden“.

Inzwischen hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) erneut die bestehenden Altzulassungen zahlreicher glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel verlängert. Diese waren bereits vor einem Jahr bis Ende 2019 verlängert worden und gelten nun für ein weiteres Jahr. Das BVL begründete dies mit Verzögerungen beim Bearbeiten der Anträge auf Neuzulassung. [lf]