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Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk
Protestaktion von Inkota vor der Bayer-Hauptversammlung Foto: Fritz Schadow / INKOTA-netzwerk

Glyphosat-Klagen: Wird Bayer-Vorstand entlastet?

23.04.2019

An diesem Freitag treffen sich die Aktionäre der Bayer AG zur Hauptversammlung. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen die Auswirkungen der Monsanto-Übernahme und die Zukunft von Konzernchef Werner Baumann.

Der entscheidende Punkt auf der Tagesordnung der Hauptversammlung ist die beantragte Entlastung des Vorstandes. Sie zu verweigern hätte zwar keine direkten Folgen, gilt aber als Misstrauensvotum gegen die Arbeit des Vorstandes. Der Dachverband der Kritischen Aktionäre hat genau das beantragt. Dabei werden die 27 Umwelt-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen, die im Dachverband zusammenarbeiten, grundsätzlich: „Der Vorstand der Bayer AG verfolgt ein umweltschädliches und menschenfeindliches Geschäftsmodell, das nicht zur Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) der UN beiträgt“, heißt es im Antrag. Der Dachverband wirft darin dem Konzern vor, Kleinbauern von Hochleistungs- und Gentechniksaatgut abhängig zu machen. Auch übe Bayer auf Staaten Druck aus, „um die Verwendung bäuerlichen Saatguts gesetzlich einzuschränken, die Einführung von Lizenzgebühren zu erleichtern und den ungeprüften Anbau von neuen Gentechnik-Pflanzen zuzulassen.“

Ein weiterer Vorwurf: Bayer verkaufe Pestizide, die in der Europäischen Union wegen ihrer Giftigkeit verboten seien, weiterhin in ärmeren Ländern, „wo der Konzern einen stärkeren Einfluss auf die Aufsichtsbehörden hat.“ Die Organisationen im Dachverband thematisieren zur Hauptversammlung aber auch den geplanten Abbau von 12.000 Stellen im Konzern, von denen 4.500 in Deutschland wegfallen sollen. Gleichzeitig will der Vorstand an die Aktionäre eine Dividende von 2,80 Euro je Aktie ausschütten. Am Tag vor der Hauptversammlung wollen die Organisationen ihre Kritik an Bayers Geschäftspolitik ausführlich den Medien vorstellen. Am Tag der Bayer-Hauptversammlung soll es Protestaktionen vor und im Tagungssaal geben.

Doch nicht nur Organisationen der Zivilgesellschaft machen gegen den Kurs des Bayer-Vorstandes mobil. Widerstand kommt auch von konventionellen Aktionären. Sie kritisieren allerdings nicht die ökologischen und sozialen Folgen der Bayer-Geschäftspolitik, sondern deren Auswirkung auf den Aktienkurs. Christian Strenger, ehemaliger Vorstand der Fondsgesellschaft DWS, sprach von einem „Desasterjahr“ und beantragte, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Dem hat sich Ingo Speich von der Deka, dem Fondshaus der Sparkassen, angeschlossen. „Wenn eine Übernahme in einem so kurzen Zeitraum solche Vermögens- und Reputationsschäden verursacht, ist das schon drastisch”, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. „Da kann man nicht mehr von einer erfolgreichen Akquisition sprechen.” Auch die beiden einflussreichen Stimmrechtsorganisationen Institutional Investors Services (ISS) und Glass Lewis haben sich gegen die Entlastung des Vorstands ausgesprochen. Im Mittelpunkt dieser Anträge steht die Fehleinschätzung der mehr als 11.000 Glyphosat-Klagen in den USA durch den Bayer-Vorstand.

Um dagegen zu halten, hat Bayer zur Hauptversammlung Gutachten vorgelegt, die bestätigen sollen, dass der Vorstand die Risiken der Monsanto-Übernahme „mustergültig“ geprüft und damit seine Sorgfaltspflichten erfüllt habe. Auch betont Bayer immer wieder, dass Monsanto profitabel sei und wesentlich zum Gewinn des Konzerns beitrage. Öffentlich gemacht hat der Konzern „alle 107 Studienberichte zur Sicherheit von Glyphosat, die im Zuge des EU-Zulassungsverfahrens bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eingereicht wurden und an denen Bayer die Rechte besitzt“.

Kritiker Strenger rechnet nicht damit, dass die Mehrheit der Aktionäre am Freitag die Entlastung verweigern wird. „Aber wenn zehn Prozent der Aktionäre gegen die Entlastung stimmen, wäre das schon ein wichtiges Signal“, sagte Sprenger der Welt am Sonntag. „Und wenn es über 20 Prozent werden, dann würde – zumindest im angelsächsischen Raum – ein Vorstandschef seinen Hut nehmen.“ [lf]