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RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)
RoundUp Monsanto (Foto: Mike Mozart, http://bit.ly/2yIfwuQ, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Krebs durch Glyphosat? Erster Juryprozess beginnt in den USA

19.06.2018

UPDATE +++ Die Ärzte hatten nicht erwartet, dass der krebskranke Dewayne Johnson diesen Tag noch erleben würde: Gestern begann in San Francisco der erste Juryprozess zur Frage, ob das von Monsanto entwickelte Herbizid Roundup das Leiden des 46-Jährigen verursacht hat. Es ist eines von zahlreichen Gerichtsverfahren, die der Chemiekonzern Bayer mit dem Kauf des Agrargiganten Monsanto übernommen hat.

Nach einem Bericht von Medical Daily pflegte Johnson von 2012 bis 2015 die Grünanlagen eines kalifornischen Schulzentrums und versprühte dort 20-30 Mal im Jahr das Herbizid Roundup. 2014 bekam der Familienvater Lymphdrüsenkrebs und sah die Ursache im glyphosathaltigen Herbizid. Er verklagte Monsanto und nach zweijährigen Ermittlungen startete der zuständige Richter am San Francisco County Superior Court nun den Juryprozess mit der Suche nach Geschworenen. Im US-Rechtssystem ist dies der letzte Schritt im Gerichtsverfahren, nachdem der Richter im Vorfeld die Positionen und Argumente beider Seiten zusammengestellt hat. Der Auftrag des Richters an die Geschworenen lautet, nicht nur zu prüfen, ob Johnsons Erkrankung durch Roundup verursacht wurde. Sie sollen auch den Vorwurf berücksichtigen, Monsanto habe Belege für die Risiken seines Herbizids verheimlicht.

Doch das Verfahren Johnson gegen Monsanto ist nur der Anfang. Auch vor Gerichten mehrerer anderer US-Bundesstaaten sind Sammelklagen von Betroffenen anhängig, die eine Krebserkrankung auf Roundup und dessen Wirkstoff Glyphosat zurückführen. Die Organisation US Right to Know berichtet von insgesamt mehr als 4.000 Klagenden. Im Oktober 2018 soll in St. Louis, dem Firmensitz von Monsanto in Missouri, die nächste Sammelklage einer Geschworenen-Jury vorgelegt werden.

Besonders bekannt wurde eine Sammelklage von 425 Krebskranken oder ihrer Nachkommen vor einem Bundesgericht in San Francisco. Denn der ermittelnde Richter veröffentlichte zahlreiche interne Mails und Dokumente von Monsanto. Diese ‚Monsanto Papers’ belegten, wie das Unternehmen Behörden beeinflusste und Wissenschaftler für wohlwollende Publikationen bezahlte.

Neben den Krebs-Verfahren liegen US-Gerichten auch zahlreiche Klagen vor, in denen Landwirte Ersatz für Schäden verlangen, die das von Monsanto vertriebene Pflanzengift Dicamba auf ihren Äckern angerichtet hat. Der Konzern hatte den leicht flüchtigen Wirkstoff zusammen mit dem Saatgut dicambaresistenter Gentech-Pflanzen auf den Markt gebracht. Der Wind wehte das Gift aber von den dicambatoleranten Pflanzungen auf die Nachbarfelder. Dort vernichtete es die Ernte. Der Fall eines Obstbauern, der dadurch 30.000 Bäume verlor, soll nächstes Jahr in Missouri vor einer Jury verhandelt werden. Er steht stellvertretend für 15 Sammelklagen, die in den vier U.S.Staaten Missouri, Illinois, Arkansas und Kansas eingereicht wurden.

Für diese und weitere Prozesse gegen Monsanto, etwa über Patentstreitigkeiten in Indien oder Brasilien, muss in Kürze der deutsche Bayer-Konzern geradestehen, der Monsanto soeben in Gänze gekauft hat. Um solche Prozessrisiken abzusichern, können Unternehmen in ihren Bilanzen Rückstellungen bilden. Laut Handelsblatt darf ein Konzern allerdings erst dann bilanziell vorsorgen, wenn Belastungen durch Vergleiche und Schadenersatzzahlungen konkret absehbar sind und der Versicherungsschutz nicht ausreicht. Bei Bayer betrugen die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten nach einem Bericht des Handelsblatts Ende 2017 knapp 400 Millionen Euro, bei Monsanto 254 Millionen Dollar.

Um wieviel Geld es dann tatsächlich gehen kann, zeigen Bayers Medikamenten-Prozesse: Weil die Verhütungspille Yasmin für Thrombose verantwortlich gemacht wird, hat der Konzern laut Handelsblatt in den USA mehr als 10.000 gerichtliche Vergleiche in einer Gesamthöhe von 2,1 Milliarden Dollar geschlossen. Nun warten alle gespannt, wie die Jury im Fall Johnson gegen Monsanto entscheiden wird. Das Urteil werde wegweisend für andere Fälle sein, zitierte der Nachrichtendienst Bloomberg Johnsons Anwalt Tim Litzenburg. Sollte Dewayne Johnson Schadenersatz bekommen, wird die Zahl der Klagen gegen den Bayer-Konzern weiter steigen. [lf/vef]