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Herbizide Traktor
Drauf aufs Feld - hier wird ein Heribizid auf einen englischen Weizenacker gesprüht (Foto: Chafer Machinery / flickr, creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Auf Gentechnik folgt Glyphosat

02.02.2016

Seit der Einführung von Soja und Mais, die mittels Gentechnik resistent gegen den Unkrautkiller Glyphosat gemacht wurden, hat sich der Einsatz des Gifts auf den Äckern der Welt fast verfünfzehnfacht. Letztes Jahr wurden 747.000 Tonnen des Wirkstoffs versprüht, mehr als die Hälfte davon auf Gentechnik-Flächen – obwohl diese nur 13 Prozent der globalen Ackerfläche ausmachen. Das berichtet ein Forscher, der Statistiken US-amerikanischer Behörden ausgewertet hat.

Mitte der 1990er Jahre begannen Farmer in den USA, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen. Die Haupteigenschaft damals wie heute: die Pflanzen können mit Glyphosat besprüht werden, ohne Schaden zu nehmen. Unkraut und andere Pflanzen hingegen sterben. Saatgut und Herbizid („Roundup“) kauften die Landwirte von Monsanto. Seitdem, so hat der Agrarökonom Charles Benbrook berechnet, verneunfachte sich der Glyphosat-Einsatz in der auf High-Tech spezialisierten US-Landwirtschaft.

Auch in Ländern wie Brasilien und Argentinien, die große Plantagen mit Gentechnik-Soja angelegt haben, nahm die ausgebrachte Menge des Ackergifts rapide zu. 2012 wurden laut Benbrook, der bis letztes Jahr eine Forschungsprofessur an der Universität Washington State inne hatte und nun als Berater arbeitet, 56 Prozent des Glyphosats auf Gentechnik-Feldern versprüht. Denn die meisten transgenen Pflanzen sind genau dafür gemacht: systematische, mehrmalige Gift-Behandlung.

Interessant ist auch: Monsanto vertreibt seit 1974 glyphosat-haltige Spritzmittel. Doch der Löwenanteil davon – in den USA zwei Drittel, weltweit über 70 Prozent – landete dem Forscher zufolge erst im letzten Jahrzehnt auf den Feldern. Auch das korrespondiert mit dem Aufstieg der Agro-Gentechnik bei Nutzpflanzen wie Soja, Mais, Raps oder auch Zuckerrüben.

Zwar, so Benbrook, gebe es auch andere Faktoren, die für steigenden Glyphosat-Einsatz gesorgt hätten: bei immer mehr Pflanzen sei den Landwirten das Besprühen mit dem lange als harmlos geltenden Gift empfohlen worden. Der Wirkstoff wurde billiger, nachdem Monsantos Patent ausgelaufen war – heute wird der Unkrautkiller auch in China produziert. Auch der Verzicht aufs Pflügen – also mechanische Unkrautbekämpfung – erfordert oftmals den Griff zur Glyphosatspritze.

Dennoch: der „dominante Faktor“ sei die Einführung von glyphosat-resistenten Gentechnik-Pflanzen gewesen, ist sich Benbrook nach Auswertung der offiziellen Daten sicher.

Die Debatte über Glyphosat ist letztes Jahr wieder voll entbrannt, nachdem Experten der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC), einer Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Herbizide mit diesem Wirkstoff als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ einstuften. Europäische und deutsche Behörden sehen das anders – allerdings beziehen sie sich meist auf den reinen Wirkstoff, nicht auf die Giftmischung, die tatsächlich versprüht wird.

Das Umweltbundesamt warnte kürzlich, im Urin vieler Menschen ließen sich Rückstände von Glyphosat feststellen. Zudem trage die weitverbreitete Anwendung des Gifts – auch in der konventionellen, nicht-gentechnischen Landwirtschaft – zum Artenschwund bei. Einige Bundesländer und Kommunen haben zumindest verboten, dass Unkraut auf Straßen, in Parks oder anderen öffentlichen Anlagen mit Glyphosat entfernt wird. Allerdings wird in der Landwirtschaft Benbrooks Bilanz zufolge ungefähr zehnmal so viel Glyphosat eingesetzt. [dh]