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Papst Franziskus
Papst Franziskus, hier 2014 im EU-Parlament (Foto: © European Union 2014 - European Parliament. [Attribution-NonCommercial-NoDerivs Creative Commons license])

Papst Franziskus zu Gentechnik und Landwirtschaft

22.06.2015

In seiner Enzyklika kritisiert Papst Franziskus die rücksichtslose Ausbeutung der Natur zu kommerziellen Zwecken. Auch die „unangemessene oder exzessive Anwendung“ der Gentechnik lehnt das Oberhaupt der katholischen Kirche ab – durch sie entstünden Risiken. Fruchtbarer Boden sei „in den Händen einiger weniger konzentriert“, Bauern von Saatgut-Konzern abhängig.

Zwar sei es „schwierig“, so Franziskus, „ein allgemeines Urteil über die Entwicklungen von gentechnisch veränderten Pflanzen oder Tieren (GMO) im Bereich der Medizin oder der Weide- und Landwirtschaft zu fällen, da sie untereinander sehr verschieden sein können und unterschiedliche Betrachtungen erfordern.“ Genetische Veränderungen hätten auch schon vor der Gentechnik stattgefunden, durch menschliches Eingreifen oder natürliche Prozesse. „In der Natur aber verlaufen diese Prozesse in einem langsamen Rhythmus, der nicht vergleichbar ist mit der Geschwindigkeit, die von den aktuellen technologischen Fortschritten auferlegt wird, auch wenn diese auf einer jahrhundertelangen wissenschaftlichen Entwicklung basieren.“

„Obgleich wir nicht über handfeste Beweise verfügen hinsichtlich des Schadens, den gentechnisch veränderte Getreidesorten an den Menschen verursachen können – und in einigen Regionen hat ihre Verwendung ein wirtschaftliches Wachstum hervorgerufen, das die Probleme zu lösen half –, gibt es bedeutende Schwierigkeiten, die nicht relativiert werden dürfen. An vielen Orten ist nach der Einführung dieses Anbaus festzustellen, dass der fruchtbare Boden in den Händen einiger weniger konzentriert ist, bedingt durch das 'allmähliche Verschwinden der kleinen Produzenten, die sich infolge des Verlustes des bewirtschafteten Bodens gezwungen sahen, sich aus der direkten Produktion zurückzuziehen'.“

Hier beruft sich der Papst auf einen Bericht der Bischöflichen Kommission für Sozialpastoral in Argentinien aus dem Jahr 2005. Seit der kommerziellen Genehmigung in den 1990ern wird in Franziskus' Heimatland gentechnisch verändertes Soja und Mais im großen Stil angebaut – vor allem als Futter für die Massentierhaltung, auch in Europa. „Die Schwächsten werden zu Arbeitern im Prekariat, und viele Landarbeiter ziehen schließlich in elende Siedlungen in den Städten“, so die Kritik des Papsts.

„Die Ausdehnung der Reichweite dieses Anbaus zerstört das komplexe Netz der Ökosysteme, vermindert die Produktionsvielfalt und beeinträchtigt die Gegenwart und die Zukunft der jeweiligen regionalen Wirtschaft. In verschiedenen Ländern ist eine Tendenz zur Bildung von Oligopolen in der Produktion von Getreide und anderen für seinen Anbau notwendigen Produkten festzustellen. Die Abhängigkeit verschärft sich, wenn man an die Produktion von sterilem Getreide denkt, was am Ende die Bauern dazu zwingt, Getreide bei den Produktionsunternehmen zu kaufen.“

Gentechnische Eingriffe lehnt er nicht generell ab. Die Möglichkeiten, „die in der materiellen Wirklichkeit vorhanden sind“, sollten auch genutzt werden. „Der Respekt des Glaubens gegenüber der Vernunft impliziert, all dem Aufmerksamkeit zu schenken, was die unabhängig gegenüber wirtschaftlichen Interessen entwickelte biologische Wissenschaft selbst im Hinblick auf die biologischen Strukturen und deren Möglichkeiten und Veränderungen lehren kann“, schreibt der Papst. Gerade im Bereich der Agro-Gentechnik wird die Unabhängigkeit von Forschern und Risikobewertern allerdings häufig angezweifelt.

Franziskus warnt vor rücksichtslosem Gewinnstreben: „Die Ressourcen der Erde werden auch geplündert durch ein Verständnis der Wirtschaft und der kommerziellen und produktiven Tätigkeit, das ausschließlich das unmittelbare Ergebnis im Auge hat. Der Verlust von Wildnissen und Wäldern bringt zugleich den Verlust von Arten mit sich, die in Zukunft äußerst wichtige Ressourcen darstellen könnten, nicht nur für die Ernährung, sondern auch für die Heilung von Krankheiten und für vielfältige Dienste. Die verschiedenen Arten enthalten Gene, die Ressourcen mit einer Schlüsselfunktion sein können, um in der Zukunft irgendeinem menschlichen Bedürfnis abzuhelfen oder um irgendein Umweltproblem zu lösen.“

„Doch es genügt nicht, an die verschiedenen Arten nur als eventuelle nutzbare 'Ressourcen' zu denken und zu vergessen, dass sie einen Eigenwert besitzen. Jedes Jahr verschwinden Tausende Pflanzen- und Tierarten, die wir nicht mehr kennen können, die unsere Kinder nicht mehr sehen können, verloren für immer. Die weitaus größte Mehrheit stirbt aus Gründen aus, die mit irgendeinem menschlichen Tun zusammenhängen. Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht.“

Auch in Deutschland gibt es viel kirchliche Kritik an der Agro-Gentechnik. Auf Land der evangelischen Kirche ist es in vielen Bundesländern per Pachtvertrag untersagt, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen. Wenn ein neuer Gentech-Mais zur Nutzung in Deutschland zugelassen wird, könnte dort also der Anbau verhindert werden. Auch einige katholische Bistümer, beispielsweise Münster oder die Erzbistümer Köln sowie München und Freising, stellen Musterverträge über kircheneigene Pachtäcker zur Verfügung, die Gentechnik-Pflanzen ausschließen. [dh]