Bioökonomie

Dossier

Bioökonomie

Foto: Gavin Fordham / flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0

Unter dem Begriff „Bioökonomie“ werden zahlreiche Branchen, Technologien und politische Strategien zusammengefasst. Hauptziel ist es, die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern, indem Konsumgüter - von Sprit über Kosmetika bis hin zu Kunststoffen - auf pflanzlicher Basis hergestellt werden. Milliarden an öffentlichen und privaten Geldern fließen in die Erforschung neuer Materialien und Produktionsprozesse. Doch woher kommt die nötige Biomasse? Bleibt die Ernährung auf der Strecke? Und welche Rolle spielt die Gentechnik?

Beispiel: Gentech-Bäume und -Mais als Biomasse

Durch Gentechnik soll bei Bäumen die Zusammensetzung des Holzes so verändert werden, dass die Papier- oder auch Kraftstoffproduktion effizienter und damit wirtschaftlicher wird. Brasilien erlaubte 2015 als erstes Land die kommerzielle Anpflanzung von Gentechnik-Eukalyptusbäumen. Die Herstellerfirma der Gentech-Bäume wurde von einem Papierkonzern aufgekauft (weitere Infos zu transgenen Bäumen auf schule-und-gentechnik.de).

Als in Deutschland noch gentechnisch veränderter Mais angebaut wurde, wanderte die Ernte auch in groß angelegte Biogas-Anlagen.

"Gerade bei gentechnisch veränderten Bäumen muss besondere Vorsicht gelten. Sie bergen, wie das Beispiel der Pappeln zeigt, aufgrund ihres Potentials zur Ausbreitung, ihrer Langlebigkeit und ihrer Bedeutung für so wichtige Ökosysteme wie die Wälder ein ganz besonderes Risiko."

Testbiotech e.V. (2010)

Finanzielle Förderung

In Raffinerien sollen aus Pflanzen Kraftstoffe und neue Materialien hergestellt werden (Foto: Jean-François Renaud / flickr, CC BY-ND 2.0)

Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen bewerben sich um Gelder aus öffentlichen Töpfen. Zwischen 2011 und 2017 stellt die Bundesregierung 2,4 Milliarden Euro im Rahmen ihrer "Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030" zur Verfügung.

2013 wurde die "Politikstrategie Bioökonomie" verabschiedet. Dort heißt es: "Durch den Einsatz biotechnologischer Methoden und  Verfahren können nicht nur erdölbasierte Produkte substituiert, sondern auch neuartige Produkte entwickelt werden". Die Biotechnologie sei ein "Motor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft".

Andererseits wird betont: "Die Ernährungssicherung hat auch im globalen Kontext Vorrang vor der Erzeugung von Rohstoffen für Industrie und Energie."

Zudem gibt es Mittel der Länder. Bayern hat beispielsweise ein "Bayerisches Forschungsprogramm 'Bio- und Gentechnologie' (BayBIO)" aufgesetzt. "Ziel ist es, die Umsetzung von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen der modernen Bio- und Gentechnik in neue Produkte, neue Verfahren, neue Technologien und neue wissensbasierte Dienstleistungen zu ermöglichen oder zu beschleunigen."

Die EU stellt im Rahmen des Bioökonomie-Programms "Horizon 2020" zwischen 2014 und 2020 sogar 79 Milliarden Euro für die Forschung bereit.

Auch in den USA wird viel Geld in die Bioökonomie-Forschung investiert, wobei Agro-Gentechnik dort ganz klar dazu zählt - während man in der EU bemüht ist, das negative Image der Gentechnik nicht überspringen zu lassen. Für die Privatwirtschaft gibt es viel zu holen: "Laut einem Bericht der Beratungsfirma Biodesic wurden bereits im Jahr 2010 mit industrieller Biotechnologie 115 Mrd. US-Dollar in den USA umgesetzt , dies dürfte inzwischen deutlich mehr sein. Der Markt für gentechnisch veränderte Pflanzen wurde im Jahr 2012 vom US-Landwirtschaftsministerium auf 76 Mrd. US-Dollar geschätzt", heißt es auf der vom deutschen Forschungsministerium geförderten Seite biooekonomie.de.

Forschungsministerium: Übersicht Finanzmittel Bioökonomie bis 2017 (pdf)

Landwirtschaftsministerium: Nationale Politikstrategie Bioökonomie (pdf), 2014

Bayerisches Forschungsprogramm "Bio- und Gentechnologie" (BayBIO), 2015-2018

EU: "Horizon 2020", 2014-2020

"Die Ernährungssicherung hat auch im globalen Kontext Vorrang vor der Erzeugung von Rohstoffen für Industrie und Energie."

Bundesministerium für Ernährung Landwirtschaft, 2014

Kritik der Bioökonomie

Dauerkonflikt in Brasilien: rechts Regenwald, links Landwirtschaft (Foto: Kate Evans for Center for International Forestry Research (CIFOR), Lizenz: CC BY-NC 2.0)

Das Ziel, vom Erdöl loszukommen, teilen auch Kritiker der Bioökonomie, die meist aus den Bereichen Umwelt- und Verbraucherschutz oder Entwicklungsarbeit kommen. Doch sie bezweifeln, dass es möglich ist, einfach auf Pflanzen als Rohstoff umzusteigen, ohne unser Konsumverhalten zu ändern. Die gewaltigen Flächen an Äckern und Wäldern, die dafür nötig wären, gibt es aus ihrer Sicht nicht. So bräuchte man laut Rachel Smolker von Biofuelwatch 36.000 Kilogramm Holz, um nur ein Flugzug eine Stunde lang in der Luft zu halten. Sie glaubt nicht, dass das machbar ist: "Zusätzlich zu den unvorstellbar großen Mengen an benötigter Biomasse hängt die Verwirklichung einer Bioökonomie von unvorstellbaren Meisterleistungen der Gentechnik ab."

Steigende Landpreise führen schon heute zur Verdrängung armer Bevölkerungsschichten, ihnen fehlt oft der Platz zur Erzeugung ihrer Nahrungsmittel. Der Anbau in Monokulturen laugt Böden aus und belastet die Umwelt. "Mehr Biomasse zu erzeugen wird schwierig, weil die landwirtschaftlichen Flächen begrenzt sind und eine Intensivierung auch zu Kollateralschäden führt, beispielsweise durch stärkeren Düngereinsatz, der schädlich fürs Klima ist", meint die Referentin für Nachhaltige Forschungspolitik des NABU, Steffi Ober. "Das Ziel müsste eigentlich sein, dass jede Person mit zwei Hektar auskommt. Wir sind momentan bei drei Hektar in den reichen Industrieländern. Das muss weniger werden."

 "Wenn alle Kunststoffe weltweit durch Biokunststoffe ersetzt würden, ergäbe sich daraus ein notwendiger Flächenbedarf von zwölf Prozent."

Renate Dylla, Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller e.V., Projektleiterin Biokunststoff, in: Ökologie & Landbau 3/2015

Flächenfraß in Übersee

Laut Statistischem Bundesamt belegt Deutschland enorme Flächen im Ausland für die Erzeugung von Soja und Mais. Für die einheimische Bevölkerung in den jeweiligen Ländern, oft Kleinbauern, fehlen dann Äcker, auf denen Nahrungsmittel angebaut werden können.

Zwischen 2000 und 2010 ist die Fläche, die Deutschland im Ausland für den Import von Getreide und Soja belegt um 43 Prozent gestiegen, berechnete das Amt. "Ge­wonnen werden die zusätzlichen An­bau­flächen oft durch Um­wandlung von Savannen in Acker­land; alte Weide­gebiete werden in ent­holzte Bereiche der Regen­wälder ver­lagert."

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2013: Forschungsministerin Wanka (CDU), die Bioökonomie-Ratsvorsitzende Lang und die damalige Agrarministerin Aigner (CSU) mit einem Kleid aus 20% Milchprotein der qmilk GmbH (Foto: BMEL)

Nahrung vs. Luxusgüter?

Zwar beteuern Politiker und Unternehmen, dass die Nahrungsmittelproduktion wichtiger sei als die Erzeugung des Rohstoffs Biomasse. Doch offen ist, ob diese Erkenntnis auch wirklich umgesetzt wird. So erinnerte der Bundesrat schon 2013 daran, "dass die Nutzung von Biomasse aus dem land- oder forstwirtschaftlichen Bereich auf nachhaltige Weise und ohne (...) negative Folgen für die Ernährungssicherheit" ablaufen müsse. In der EU-Vision, eine "biobasierte Industrie" aufzubauen, fehlten aber "verbindliche Nachhaltigkeitskriterien", kritisierten die Regierungen der Bundesländer.

Aus Sicht des NABU wird es "zwangsläufig zu Zielkonflikten" kommen, wenn beispielsweise Kleinbauern in armen Ländern mit Industrie-Konzernen um knappe Flächen konkurrieren.  Unklar sei auch, ob positive Folgen für die Umwelt (weg vom Öl) nicht durch negative Begleiterscheinungen (eine intensive Landnutzung mit Dünger, Pestiziden, Maschinen) ausgehebelt werden. "Die Transformation der Gesellschaft in ein Zeitalter ohne Öl und fossile Energien ist mehr als ein einfacher Wechsel des Kohlestofflieferanten für die Industrie", so der Naturschutzbund.

"Wenn mehr Druck auf die Flächen weltweit ausgeübt wird, so besteht die Gefahr, die positiven Umwelteffekte wie Treibhausgaseinsparungen durch Biomassenutzung aufzulösen, wenn durch die Ausweitung des Anbaus kohlenstoffspeichernde Naturflächen beschädigt werden", fasst der NABU eine Studie von Uwe Lahl von der TU Darmstadt zusammen. Er geht davon aus, dass die Politik noch nicht erkannt hat, dass sie verbindliche Regeln für den Bioökonomie-Bereich aufstellen muss. Stattdessen stehe die Technik im Mittelpunkt: "Auffällig ist, wie stark sich viele Studien und Papiere den konkreten Technologieempfehlungen widmen."

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