Kosten der Gentechnik

Dossier

Die Kosten der Agro-Gentechnik

(Foto: pixabay, CC0)

Die Gentechnik-Industrie preist stets den gesellschaftlichen Nutzen von Gentechnik-Pflanzen: Sie böten Landwirten Vorteile und schonten die Umwelt. Jedoch gibt es viele kritische Studien und Recherchen, die auf das Gegenteil hinweisen und zeigen, welche wirtschaftlichen und sozialen Schäden die Agro-Gentechnik anrichtet.
Erhebliche Summen werden jährlich dafür aufgebracht, Lebensmittel durch Vorsorge frei von Gentechnik zu halten. Weil das nicht immer gelingt, müssen die Lebensmittelindustrie und die Steuerzahler Kosten tragen, die durch Verunreinigungen mit Gentechnik entstehen. Denn diese zahlen nicht die Verursacher, sondern diejenigen, die die Gentechnik gar nicht wollen. Den Landwirten entstehen Kosten für teures Saatgut und Pestizide, die sie nicht durch höhere Erträge ausgleichen können. Hinzu kommen weitere, schwer zu beziffernde Folgen, etwa die erhöhte Abhängigkeit der Landwirte von Konzernen, die gesundheitlichen Folgen eines erhöhten Pestizidverbrauchs oder die Verdrängung von Regenwald durch den industriellen Anbau von Gentech-Pflanzen.

Kosten durch Verunreinigung
Kosten durch strikte Trennung
Kosten für die Gentechnik-Landwirte
Kosten für die Steuerzahler


Kosten durch Verunreinigung

Eine Verunreinigung liegt vor, wenn gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in Lieferungen herkömmlicher Pflanzen gelangen. Das kann durch Auskreuzung geschehen oder durch Vermischung bei Ernte und Verarbeitung.
Das EU-Gentechnikrecht unterscheidet dabei zwei Fälle: Bei GVO, die als Lebens- und Futtermittel zugelassen sind, führt die Verunreinigung zu Kennzeichnungspflichten. Ab einem Gehalt von 0,9 Prozent muss die an sich gentechnikfreie Lieferung als gentechnische Zutat gekennzeichnet werden. Das macht sie auf dem deutschen Lebensmittelmarkt unverkäuflich. Einige Verarbeiter, insbesondere von Bio-Lebensmitteln, weisen Erzeugnisse schon bei gv-Spuren über 0,1 Prozent zurück. Lässt sich ein GVO in gentechnikfreiem Saatgut nachweisen, wird dieses unverkäuflich, da gentechnisch veränderte (gv) Pflanzen nicht angebaut werden dürfen.
Ist der GVO nicht als Lebens- und Futtermittel zugelassen, gilt die Nulltoleranz. Eine nachgewiesene Verunreinigung, und sei sie noch so gering, macht das ganze Produkt unverkäuflich. Dann wird es richtig teuer.

Hunderte von Fällen

Erzeuger gentechnikfreier Waren bleiben auf den Kosten für die Reinhaltung sitzen. (Foto: Volker Gehrmann)

Das britische GM Contamination Register zählte von 1997 bis Ende 2013 insgesamt 396 Verunreinigungsfälle, die 63 Staaten betrafen. Da das Register nicht mehr aktiv ist, gibt es keine neueren globalen Zahlen.
Zur Studie.

Das Schnellwarnsystem der EU listete von 2002 bis 2018 679 Fälle von Verunreinigungen mit nicht zugelassenen GVO in Futter- oder Lebensmitteln auf.  Zur Studie.

In all diesen Fällen mussten die Hersteller die verunreinigten Lebensmittel aus dem Handel zurückholen. Der Bio-Dachverband Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) rechnet in seinem Schadensbericht Gentechnik von 2015 vor, dass ein Hersteller bei einem Rückruf pro Filiale 50 bis 100 Euro an die Handelsketten zahlen muss. Hinzu kommen die Kosten fürs Abholen, Entsorgen sowie der entgangene Gewinn. Versichern ließen sich diese Kosten nicht, schreibt der BÖLW. Im schlimmsten Fall könnten sie daher zur Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens führen.

Schäden in Milliardenhöhe

Der BÖLW hat in seinem Schadensbericht Gentechnik einige der teuersten Verunreinigungsfälle vorgestellt:

  • Der StarLink Mais von Syngenta war in den USA wegen Allergieverdachts nur als Futtermittel zugelassen, gelangte aber in die Lebensmittelkette und führte zu zahlreichen Rückrufen. Geschätzter Schaden: 2,0 bis 2,7 Milliarden US-Dollar.
  • Der Reis LL601 wurde von Bayer versuchsweise in den USA angebaut. Er verunreinigte 2006 etwa 30 Prozent der US-Reisernte, die dadurch in der EU und Asien unverkäuflich wurde. Bayer zahlte sieben Jahre später 750 Millonen US-Dollar Schadensersatz an betroffene Landwirte. Geschätzter Schaden insgesamt: 1,18 bis 1,72 Milliarden US-Dollar.
  • Die gv-Leinsaat Triffid war von 1996 bis 2001 in Kanada zugelassen, wurde aber kaum angebaut. 2009 wiesen deutsche Behörden Verunreinigungen nach, die zu zahlreichen Rückrufen in der EU führten. Der Markt brach zusammen. Schaden für die kanadischen Landwirte: über 740 Millionen Euro.
  • Der gv-Mais Viptera von Syngenta wurde 2011 in den USA zugelassen, aber nicht in China. Dessen Behörden wiesen 2013 1,45 Millionen Tonnen US-Mais wegen Verunreinigung mit Viptera zurück. 2017 zahlte Syngenta 1,5 Milliarden US-Dollar an betroffene Landwirte. Diese hatten ihren Schaden auf vier Milliarden Dollar geschätzt.

Kosten durch strikte Trennung

Beim Export von Agrarrohstoffen darf sich nichts vermischen (Foto: Oregon Department of Agriculture / flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by/2.0).

Um Verunreinigungen zu vermeiden, betreiben Unternehmen, die konventionell gentechnikfrei oder ökologisch wirtschaften, einen hohen Aufwand. Dazu gehören die laufende Kontrolle des Saatguts, anderer relevanter Rohstoffe und der Endprodukte, aber auch das aufwändige Reinigen von Transportern, Silos oder Tanks, die mit GVO in Berührung kommen könnten. Rohstoffe wie gentechnikfreie Sojabohnen müssen vom Acker bis zur Verarbeitung strikt getrennt gehalten werden. Dies führt auf allen Ebenen zu Mehrkosten. Diese steigen gewaltig an, wenn in einer Region gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden. Denn damit wächst das Risiko von Kontaminationen. Mehrere Studien haben berechnet, was in solchen Fällen die Koexistenz von GVO-Anbau und gentechnikfreier Landwirtschaft kosten würde.

Einige Beispiele

Axel Wirz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau: "Geht man von der Annahme aus, dass ein Anteil von 50 % des in der Bundesrepublik angebauten Körnermaises gentechnisch verändert wäre, entstünden Mehrkosten von 212 Mio. Euro, ohne dass Ertragssteigerungen zu erwarten [sind]."

Wissenschaftler der Hochschule Weihenstephan haben die Koexistenzkosten für Rapsöl und Maisstärke berechnet. Ihr Fazit: "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass gentechnikfreie Lebensmittel um 7,4% bis 13,8% mehr kosten müssen, um die Koexistenz zu gewährleisten".

Die Forschungsanstalt Agroscope berechnete die Mehrkosten, die durch den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Schweiz entstehen würden. Demnach "liegen die Zusatzkosten für die Koexistenz je nach Kultur und Anbaubedingungen zwischen 73 und 1023 Franken pro Hektar. Das entspricht einem Anteil von 1 bis 20 Prozent an den gesamten Produktionskosten."


Kosten für die Gentechnik-Landwirte

Der Agarökonom Charles Benbrook untersuchte, wie sich die Saatgutpreise in den USA entwickelten: Der Preis für gv-Sojabohnen in den USA stieg von 2001 bis 2009 von 28, 8 auf 49,6 US-Dollar je bushel (etwa 27 Kilogramm). Konventionelle Soja lag deutlich darunter. 2010 brachte Monsanto seine neue Roundup-Ready2-Bohnen auf den Markt, für 70 Dollar je Bushel. Während der Preis für das Saatgut stieg, wurde nicht mehr geerntet als vorher. Zugleich versprühten die Landwirte deutlich mehr glyphosathaltige Spritzmittel - nicht nur in den USA, sondern weltweit. Seit 1996 die ersten glyphosatresistenten Sojabohnen auf den Markt kamen, stieg der Absatz des Totalherbizids laut Benbrook auf das Fünfzehnfache.

Charles Benbrook: The Magnitude and Impacts of the Biotech and Organic Seed Price Biotech and Organic Seed Price Premium
Charles Benbrook: Trends in glyphosate herbicide use in the United States and globally


Kosten für den Steuerzahler

Millionen für die Gentechnik. Foto:Berlin-pics/pixelio

Die Bundesregierung und einzelne Bundesländer fördern die Agro-Gentechnik mit Millionen. Genaue Summen herauszufinden ist schwierig, da die Fördertöpfe zumeist dem Thema Bioökonomie gewidmet sind. Dieses umfasst zahlreiche biotechnologische Methoden und Verfahren, die erdölbasierte Produkte ersetzen könnten. Da ist herkömmlicher Industriehanf als Dämmmaterial ebenso dabei wie gentechnisch veränderter Mais für Biogasanlagen. Aus den Beschreibungen aktuell geförderter Projekte errechnete die Organisation Testbiotech „ein Fördervolumen von über 100 Millionen für aktuelle Projekte zur gentechnischen Veränderung von Pflanzen und Tieren, die freigesetzt werden und oft auch zur Nahrungsmittelerzeugung dienen sollen“. Über die Risiken werde jedoch kaum geforscht, monierte Testbiotech.
Infodienst: Bundesregierung investiert Millionen in Genome Editing (11.03.2019)
Infodienst: Regierung fördert Pflanzenbiotechnologie mit 45 Millionen (23.07.2013)
Infodienst: 50 Millionen für Forschung an Agro-Gentechnik (28.04.2010)

Gefördert hat die Bundesregierung auch schon früher: Zwischen 2008 und 2012 steckte das Bundesforschungsministerium unter dem Titel "Biologische Sicherheitsforschung" über 16 Millionen Euro in Projekte mit Gentechnik-Pflanzen. Das zeigt die
 Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke. Zudem gingen 2009 rund 5 Millionen Euro an die Privatindustrie, darunter der Konzern BASF, für die Entwicklung von gentechnisch veränderten Pflanzen. Eine weitere Kleine Anfrage zeigte, wie viel Geld zwischen 2005 und 2007 in die "Entwicklung von gentechnisch veränderten Pflanzen mit öffentlichen Forschungsgeldern" floss.

Forschungsgelder: Gentechnik vs. Öko-Landwirtschaft

(Foto: pixabay, CC0)

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil der Bio-Anbauflächen von derzeit knapp zehn Prozent bis 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Die Forschung für den Bio-Landbau macht allerdings weniger als zwei Prozent der Forschungsförderung im Agrarbereich aus. „Wer 20 Prozent Öko will, muss entsprechend in Forschung investieren und die Innovationskraft des Sektors stärken“, sagt Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bio-Dachverbandes BÖLW. Was tatsächlich passiert zeigen zwei Zahlen: Über das Bundesprogramm Ökolandbau werden derzeit 13 mehrjährige Projekte der ökologischen Pflanzenzüchtung gefördert. Gesamtsumme 2,8 Millionen Euro. Hingegen 30 Millionen Euro investierte die Bundesregierung nach eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren in Forschungen, bei denen Pflanzen mit neuen gentechnischen Verfahren verändert wurden.

Antwort der Bundesregierung: Forschungsförderung des Bundes für die Agrogentechnik inklusive neuer Gentechnikverfahren (Drucksache19/7926, 20.02.2019)

Das Bundesprogramm Ökolandbau

Arbeitsplätze durch Agro-Gentechnik?

Trägt die staatliche Förderung dazu bei, Arbeitsplätze zu schaffen? Zahlen, wieviele Arbeitsplätze in Deutschland an der Agro-Gentechnik hängen, gibt es nicht. Vermutlich sind es sehr wenige, da in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen nicht angebaut werden.
Die gesamte deutsche Biotechnologie-Branche umfasste 2018 679 Unternehmen mit 23.540 Mitarbeitern. Hinzu kamen noch 26.500 Mitarbeiter bei biotechnologisch aktiven Firmen in der Chemie- und Pharmaindustrie. Die Mehrheit der Unternehmen stammt aus dem Bereich Medizin/Gesundheit, auf den auch der allergrößte Teil der Forschungsaufwendungen entfällt. Auf den Anteil der Agro-Gentechnik geht der jährliche BIOCOM-Report „Die deutsche Biotechnologie-Branche“ nicht ein. Unter dem Stichwort „Agrogentechnik“ listet die Plattform biotechnologie.de lediglich 41 Firmenprofile auf, mehrheitlich aus dem Saatgutbereich.
Dem stehen die Arbeitsplätze in dem Bereich der Land- und Lebensmittelwirtschaft gegenüber, der ökologisch oder konventionell gentechnikfrei wirtschaftet. Sie sind durch die Gefahr von Verunreinigungen permanent gefährdet.


Aktualisiert: Dezember 2020

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