20.11.2014 |

Interview zur Bioökonomie: Mehr Biomasse geht nicht

Steffi Ober Dr. Steffi Ober

Die „Bioökonomie“ soll die Abhängigkeit vom Erdöl verringern, indem Konsumgüter auf pflanzlicher Basis hergestellt werden. Die Politik legt dafür Strategien auf und stellt viel Geld für Forschung bereit. Doch woher kommt die nötige Biomasse? Und bleibt die Ernährung auf der Strecke? Ein Gespräch mit Dr. Steffi Ober vom Naturschutzbund Deutschland.

Infodienst: Es gibt viele Strategiepapiere zur „Bioökonomie“. Doch was genau versteht man eigentlich darunter?

Steffi Ober: Das ist ein großer, umfassender Begriff. In Deutschland wird darunter eine biobasierte Wirtschaft verstanden, in der es darum geht, den Kohlenstoffträger von der fossilen, erdölbasierten Wirtschaft auf eine post-fossile, biomassebasierte Wirtschaft umzustellen. Landwirtschaft, Forst und Fischerei gehören gleichermaßen dazu.

ID: Das klingt in der Zeit von „Peak Oil“ und „Peak Everything“ doch eigentlich recht gut.

SO: Ich finde, man kann nicht für oder gegen Bioökonomie sein. Denn es geht ja darum, wie man in einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen gut haushalten kann. Da müssen wir als Gesellschaft einfach Strategien entwickeln. Die Ernährungssicherung muss dabei an vorderster Stelle stehen. Aber auch in der Chemie- und Energiebranche kann ein Beitrag geleistet werden. Kunststoffprodukte sind ja überall, in der Häuserdämmung, Autositzen, Sitzen in Bussen, in vielen Alltagsgegenständen. Auch Pharmazeutika und Kosmetika basieren auf Rohöl.

ID: Dann stellt sich aber die Frage, woher die nötige Biomasse für diese Produkte kommen kann. Die Bundesregierung argumentiert gerne, man könne Abfälle und Reststoffe verwerten. Aber reicht das? Oder kommt es am Ende doch zu mehr Monokulturen, z.B. auch mit gentechnisch veränderten Bäumen, deren Holz anders zusammengesetzt ist?

SO: Auch wenn die Erträge des Biomasse-Anbaus optimiert werden, ist das letztendlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Schon heute, ohne dass die Industrie umgestellt ist, haben wir eine Importfläche von 30 Prozent, die Europa zusätzlich zur hiesigen landwirtschaftlichen Nutzfläche verbraucht. Das liegt vor allem am Fleischverbrauch, aber zum Teil auch schon an Importen für Bioenergie. Das Thünen-Institut ist in einer Studie zu dem Schluss gekommen, dass wir die nötige Biomasse nicht erzeugen können - auch nicht aus Reststoffen oder was auch immer – um auf dem jetzigen Niveau weiter wirtschaften zu können. Das ist auf jeden Fall klar.

ID: Das heißt, es muss entweder anderswo noch mehr Biomasse erzeugt werden oder hier anders gewirtschaftet und auch anders konsumiert werden?

SO: Mehr Biomasse zu erzeugen wird schwierig, weil die landwirtschaftlichen Flächen begrenzt sind und eine Intensivierung auch zu Kollateralschäden führt, beispielsweise durch stärkeren Düngereinsatz, der schädlich fürs Klima ist. Das Ziel müsste eigentlich sein, dass jede Person mit zwei Hektar auskommt. Wir sind momentan bei drei Hektar in den reichen Industrieländern. Das muss weniger werden.

ID: Es gibt aber auch optimistische Stimmen, die für mehr Produktion plädieren. Da wird dann oft auch die Gentechnik oder Biotechnologie genannt. Es gibt zum Beispiel das Forschungsprogramm „Pflanzenbiotechnologie der Zukunft“. Welche Rolle spielt die Gentechnik, oder auch die Synthetische Biologie, in der Bioökonomie?

SO: Also bei „Grüner“ Gentechnik, den Pflanzen auf dem Acker, sind die Probleme ja bekannt. Gentechnik führt ja nicht unbedingt zu mehr Ertrag, also zu mehr Biomasse. Das hat alles seine Grenzen. Auch bei den Gentechnik-Bäumen ist das begrenzt. Bei der „Weißen“ Mikrobiologie, also mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen in geschlossenen Systemen Grundstoffe für die Chemieindustrie zu produzieren und dabei weniger Fläche zu brauchen, sind gewisse Potenziale da.

ID: Wissen Sie, wie viel öffentliche Forschungsgelder im Bereich Bioökonomie in Programme fließen, die mit Gentechnik zu tun haben?

SO: Insgesamt fördert die Regierung die Bioökonomie mit 2,4 Milliarden Euro. Wie viel davon direkt in Gentechnik fließt, weiß ich nicht. Ich habe aber den Eindruck, dass „Grüne“ Gentechnik nicht so eine große Rolle spielt. Seit 2010 stellt der Bund 45 Millionen Euro für Public-Private-Partnership-Projekte im Bereich Pflanzenbiotechnologie bereit. Die Ziele sind hoch gehängt, man darf auf den Erfolg gespannt sein. Interessant ist eher die „Weiße“ Biotechnologie für geschlossene Systeme. Vieles ist Grundlagenforschung. Momentan basiert aber nur 13 Prozent der Produktgrundlage der Chemie-Industrie auf Biomasse. 87 Prozent basiert also noch auf Erdöl. Das kann nicht alles auf Biomasse vom Acker umgestellt werden, auch nicht mit Kaskadennutzung. Das reicht nicht, um den Bedarf zu decken.

ID: In einem Papier des NABU heißt es, dass die Kontroll- und Mitspracherechte des Bundestages bei der Bioökonomie „mehr als dürftig“ sind. Stattdessen gibt es den Bioökonomierat, der aber mit industrie-nahen Experten besetzt ist. Hat sich da in letzter Zeit etwas geändert?

SO: Forschungsstrategien werden traditionell von den Ministerien aufgesetzt. Der Bundestag wird nur unterrichtet. Wenn dort während der Haushaltsdebatte nachgefragt wurde, was sich hinter den einzelnen Paketen verbirgt, hieß es: 'Das wird erst in den nächsten Jahren ausgestaltet.' Im Bioökonomierat waren von 2009 bis 2012 BASF, Dow Chemical, KWS und der Deutsche Bauernverband dabei. Seit 2012 gibt es eine etwas gemischtere Besetzung von wissenschaftlicher Seite. Was aber noch immer fehlt sind zivilgesellschaftliche Organisationen und landwirtschaftliche Anbauverbände, auch aus dem Ökolandbau. Außerdem wird oft kritisiert, dass Entwicklungshilfeverbände und das BMZ zu wenig eingebunden sind, obwohl gerade Dritte-Welt-Länder betroffen sind, wenn es um mehr Biomasse geht. Dafür sind Biotech-Unternehmen wie die BRAIN AG und KWS Saat AG drin und die Großchemie mit Dow Europe. Der Rat berät die Regierung und hat mal mehr und mal weniger Einfluss. Unklar ist, wer in der Regierung eigentlich den Hut auf hat. Die letzte Bioökonomiestrategie wurde vom Landwirtschaftsressort entwickelt, es gibt aber auch eine ganze Abteilung für Bioökonomie im Forschungsministerium.

ID: Der NABU schreibt, der Bioökonomierat konzentriere sich vor allem auf die „reine Absicherung der 'Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen'“. Beispiel: eine Mercedes-Motorabdeckung aus Plastik aus Rizinus-Samen. Geht es letztlich also um ein „weiter so“ mit anderen Mitteln?

SO: Im Bioökonomierat wird da kontrovers diskutiert. Es geht einerseits um konkrete Produkte, es gibt aber auch Papiere zu nachhaltigem Konsum und anderen Lebensstilen. Es gibt auch eine gewisse Nachdenklichkeit, wie das vereinbart werden kann. Was bis heute ungeklärt ist, ist die Frage, wie „food first“ garantiert werden kann. Wer garantiert in Deutschland und in Europa, dass Nutzflächen in der Dritten Welt nicht einfach an den Höchstbietenden vergeben werden und dort dann Biomasse statt Nahrungsmittel erzeugt werden? Dafür gibt es kein zuständiges Gremium, weder national noch international, und das ist ein deutlicher Mangel.


Dr. Steffi Ober ist Referentin für Nachhaltige Forschungspolitik beim NABU und leitet die Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende.

18.11.2014 |

Deutschland enthielt sich bei Monsanto-Raps

Raps Foto: net_efekt / flickr, creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0

Ende Oktober fand in Brüssel die erste von zwei Abstimmungen darüber statt, ob gentechnisch veränderter Raps des Konzerns Monsanto zugelassen wird. Ein offizielles Ergebnis wurde noch nicht bekannt gegeben. Doch aus Behörden scheint nun nach außen gedrungen zu sein: Deutschland hat sich der Stimme enthalten.

Dass die Bundesregierung weder für noch gegen den Import des gentechnisch veränderten Rapses votierte, hat der Münchner Verein Testbiotech nach eigenen Angaben „von Mitarbeitern deutscher Behörden“ erfahren. Weil die Abstimmung – wie so häufig bei Gentechnik-Entscheidungen – in einem Patt endete, wird es eine zweite Runde geben. Bleibt es dabei, hat die EU-Kommission das letzte Wort. Unter Präsident Jose Manuel Barroso und seinen zuständigen Gesundheitskommissaren bedeutete das stets: „ja“ zur Gentechnik-Zulassung. Wie die neue Kommission unter Jean-Claude Juncker entscheiden wird, bleibt abzuwarten.

Der Raps MON88302 ist resistent gegen das Spritzmittel Glyphosat, das Monsanto herstellt und unter den Namen „Roundup“ verkauft. Raps gehört zu den Pflanzen, die sich besonders leicht abseits von Feldern ausbreiten können – zum Beispiel beim Transport, da die kleinen Körner verloren gehen können. Das gesteht auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA ein, die laut Testbiotech in ihrer Stellungnahme schrieb: „das Auftreten verwilderter gentechnisch veränderter, herbizidresistenter Pflanzen [ist] überall da wahrscheinlich, wo gentechnisch veränderter, herbizidresistenter Rapssamen transportiert wird“. Trotzdem hatte die Behörde keine Einwände gegen Monsantos Antrag auf eine Genehmigung als Futter- und Lebensmittel. [dh]

17.11.2014 |

Monsanto zahlt über 2 Millionen wegen Gentechnik-Verunreinigung

Weizen Mähdrescher Ernte Foto: tpmartins / flickr; Lizenz: creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0

Weil Exporte nach einem Verunreinigungsfall mit gentechnisch verändertem Weizen weggebrochen waren, verklagten US-Farmer den Herstellerkonzern Monsanto. Der zahlt nun mehr als zwei Millionen Dollar, um die Klagen abzuwenden – will das aber nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen.

Gentechnisch veränderter Weizen darf nirgendwo auf der Welt angebaut werden. Monsanto hatte die Pflanzen vor zehn Jahren getestet, letztes Jahr tauchten sie in Oregon wieder auf, vor wenigen Wochen auch in Montana. Nach dem Fund hatten wichtige Handelspartner wie Japan und Südkorea die Einfuhr von US-Weizen vorübergehend gestoppt, wodurch den Landwirten große Verluste entstanden.

Laut Nachrichtenagentur Reuters konnte Monsanto mit dem Deal mindestens drei Sammelklagen abwenden. Weitere Klagen laufen jedoch. [dh]

17.11.2014 |

USA: Gentech-Kennzeichnung in Oregon noch möglich

Abstimmung Wahl Umfrage Abstimmung über Gentechnik-Kennzeichnung (Foto: yarranz / freeimages)

Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt: in Oregon könnte nach dem Volksentscheid von vorletzter Woche doch noch die Mehrheit für eine verpflichtende Kennzeichnung von Gentech-Zutaten in Lebensmitteln erreicht werden. Der Abstand zwischen den Lagern ist auf weniger als 0,4 Prozent geschmolzen – der Stimmzettel von 13.000 Wählern könnte zudem nachträglich für ungültig erklärt werden, weil sie den Briefwahlumschlag nicht oder falsch unterschrieben haben.

Wie die Zeitung The Oregonian meldet, kontaktierte die Wahlleiterin vergangene Woche circa 13.000 Personen. Sie müssen bis morgen ihre Unterschrift nachreichen, ansonsten wird ihre Stimme nicht gezählt. Das könnte auch Auswirkungen auf Measure 92 haben – das ist die Abstimmung über die verpflichtende Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Pflanzen in Lebensmitteln, die es in den USA bislang nirgendwo gibt.

Nach Auszählung von über 95 Prozent der Stimmen lagen die Gegner einer solchen Kennzeichnung am Freitag nur noch 0,4 Prozentpunkte vor den Befürwortern – kurz nach der Wahl war der Vorsprung noch mit fast 0,7 Prozent angegeben worden. Nun liegt er bei weniger als 5.000 Stimmen: 745.456 mal „No“ zu 740.917 mal „Yes“. Erst wenn die letzten Stimmen ausgezählt und die falsch oder nicht unterschriebenen Briefwahlunterlagen herausgerechnet wurden, wird also das endgültige Ergebnis feststehen. [dh]

17.11.2014 |

TTIP gefährdet Transparenz bei Gentechnik-Fütterung

Kühe im Stall Futtermittel Foto: Simone Knorr

Fleisch, Milch oder Eier stammen häufig aus Ställen, in denen gentechnisch veränderte Pflanzen verfüttert werden. Das muss nicht gekennzeichnet werden. CDU, CSU und SPD haben zwar in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, diese Transparenzlücke zu schließen. Doch die Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada gefährden dieses Anliegen, sagen Juristen des Bundestags.

Ein Gutachten der Rechtsexperten komme zu der Einschätzung, dass die geplanten Abkommen TTIP und CETA ein „Einfallstor für Klagen“ öffnen könne, teilte der Grünen-Parlamentarier Harald Ebner am Freitag mit. Werde die Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte nicht eingeführt, bevor die Abkommen in Kraft treten, sei die Chance endgültig vertan, so Ebner, der das Gutachten in Auftrag gegeben hatte. „Wenn Merkel, Gabriel und CSU-Agrarminister Schmidt zu ihrem eigenen Koalitionsvertrag stünden, hätten sie sich in Brüssel schon längst nachdrücklich für die versprochene erweiterte Gen-Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte einsetzen müssen. Das Gutachten zeigt, dass das auf EU-Ebene schnell umgesetzt werden muss, bevor es durch TTIP und Ceta faktisch unmöglich sein wird.“

Laut Süddeutscher Zeitung widerspricht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft jedoch dieser Einschätzung. Weder durch das schon fertig verhandelte CETA noch durch TTIP würden die europäischen Kennzeichnungsregeln ausgehebelt. [dh]

13.11.2014 |

Juncker verzichtet auf oberste Wissenschaftsberaterin

Jean-Claude Juncker Jean-Claude Juncker (Foto: European People"s Party, flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by/2.0)

Der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schafft das Amt der obersten Wissenschaftsberaterin ab. Da das Bureau of European Policy Advisers (BEPA), das als Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft gedacht war, ersetzt werde, falle auch ihre Stelle weg, informierte Anne Glover verschiedene NGOs per Email. Die werden ihr kaum nachtrauern – Glover gilt als Gentechnik-Befürworterin.

Sie werde die Kommission Ende Januar verlassen, so Glover in der Email von Mittwoch, die dem Informationsdienst vorliegt. Auf das in weniger als drei Jahren mit knappen Ressourcen Erreichte sei sie stolz. Glover, eine Professorin aus Schottland, war unter dem bisherigen Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zur obersten Wissenschaftsberaterin ernannt worden.

Für ihre bejahenden Äußerungen zur Agro-Gentechnik war Glover von Umwelt- und Landwirtschaftsverbänden kritisiert worden. Diese plädierten dafür, die wissenschaftliche Beratung nicht durch eine einzige Person, sondern durch transparente Institutionen durchführen zu lassen. „Interessengruppen haben längst erkannt, dass eine Steuerung umso einfacher ist, je mehr die wissenschaftliche Beratung in die Hände einer einzigen Person gelegt wird“, so das Argument.

In einem Interview mit dem österreichischen Standard hatte Glover beispielsweise gesagt, sie sei „überzeugt, dass genetisch veränderte Pflanzen viele sehr positive Aspekte haben können: die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen, den Gebrauch von giftigen Spitzmitteln verringern oder einen wichtigen Beitrag zur Verhinderung des Klimawandel leisten, da weniger Dünger verwendet werden muss.“ Ähnlich bewirbt auch die Industrie ihre Gentech-Pflanzen.

Von 28 EU-Mitgliedstaaten hat nur einer, nämlich Großbritannien, weiterhin einen obersten Wissenschaftsberater. Irland und Tschechien hatten die Position eingeführt und später wieder abgeschafft. [dh]

12.11.2014 |

„Größte Studie über GVO und Pestizide“ startet nächstes Jahr

Labor Mikroskop Foto: dlsee / flickr, Lizenz: creativecommons.org/licenses/by/2.0

Eine Fütterungsstudie, die von den Initiatoren als das „größte und umfassendste Langzeit-Experiment, das je über GV-Lebensmittel und die damit verbundenen Pestizide durchgeführt wurde“ bezeichnet wird, soll 2015 beginnen. Zwei bis drei Jahre sollen Ratten mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert werden. Die Kosten sollen sich auf 25 Millionen US-Dollar belaufen. Ein „hoher Prozentsatz“ sei bereits von Privatpersonen aus Russland und der EU zur Verfügung gestellt worden, teilten die Organisatoren gestern in London mit.

Aus vertraglichen Gründen könne man die Namen der Geldgeber erst zum Start der Studie nächstes Jahr nennen. Der Finanzierungsprozess werde jedoch „vollkommen transparent“ gemacht werden, erklärten die Initiatoren von der russischen gentech-kritischen NGO Russian National Association for Genetic Safety (NAGS). Die Organisatoren selbst würden keinerlei Einfluss auf die Studie nehmen, hieß es in der Pressemitteilung.

Die Untersuchung, für die 6.000 Ratten mit Mais gefüttert werden sollen, werde von Wissenschaftlern mit „'neutralen' Hintergrund“ durchgeführt, die „weder Verbindung mit der Biotech-Industrie noch der anti-GVO-Bewegung“ hätten. Drei Forscher bilden zudem einen „Prüfungsausschuss“, sie stellten sich gestern auf der Pressekonferenz der „Factor GMO“-Studie vor. Es handelt sich um Bruce Blumberg, Biologie-Professor an der University of California, Irvine; Oxana Sinitsynas vom A. N. Sysin Research Institute of Human Ecology and Environmental Health, einer Einrichtung des russischen Gesundheitsministeriums; und Fiorella Belpoggi vom Collegium Ramazzini, einem italienischen Krebsforschungsinstitut.

Die Fütterungsexperimente sollen in Westeuropa und Russland durchgeführt werden, die genauen Orte wurden „aus Sicherheitsgründen“ nicht bekannt gegeben. Die Studie soll klären, ob gentechnisch veränderter Mais und die Herbizide, gegen die er resistent gemacht wurde, Gesundheitsprobleme wie Krebs, niedrigere Fruchtbarkeit oder Organschäden auslösen können. Laut Pressemitteilung sollen internationale Standards nicht nur eingehalten sondern sogar übertroffen werden. [dh]

11.11.2014 |

Heute starten Verhandlungen über Gentechnik-Verbote

Ries „Die Bürger beobachten uns!“: die zuständige Parlamentarierin Frédérique Ries twitterte nach der Abstimmung (Foto: @Frederiqueries, twitter)

Wie sollen die Gentechnik-Anbauverbote in der EU künftig gehandhabt werden? Darüber beginnen in Brüssel heute die Verhandlungen. Am Vormittag legte das Parlament eine gemeinsame Position fest. Enthalten sind viele Verbesserungsvorschläge von Umweltschutz- und Landwirtschaftsverbänden.

Bei den Verhandlungen mit der Ratspräsidentschaft, die die nationalen Regierungen vertritt, geht es um die konkrete Ausgestaltung des sogenannten Opt-Out. Der Entwurf der Minister vom Sommer war auf harsche Kritik von gentech-kritischen Abgeordneten und NGOs gestoßen. Nun gibt es eine Gegenposition des EU-Parlaments, die der Umweltausschuss mit 53 zu 11 Stimmen annahm. Laut Presseabteilung des Ausschusses sollen die Verhandlungen noch heute Nachmittag beginnen.

Wichtige Änderungswünsche, die die liberale Belgierin Frédérique Ries nun gegenüber den Regierungen vorbringen wird, sind z.B. die Verankerung der Gentechnik-Verbote im Umweltrecht der EU. Bislang basieren sie auf dem Binnenmarktrecht, was sie nach Ansicht von Umweltverbänden anfällig für Industrieklagen macht. Auch die sogenannte „Phase 1“, wonach Regierungen die Gentech-Konzerne wie Monsanto oder BASF erst um eine freiwillige Einschränkung des Anbaus bitten müssen, bevor sie verbieten dürfen, soll nach Willen des Parlaments gestrichen werden. NGOs sehen in der ungewöhnlichen Vorbedingung für Verbote einen „Kniefall vor der Gentechniklobby.“

Ries, die die Parlamentsposition vertritt, verbreitete des Ergebnis per Kurznachrichtendienst Twitter. „Die Bürger beobachten uns!“, gab die Liberale sich und ihren Verhandlungspartnern mit auf den Weg. Die Debatten werden sich bis Dezember hinziehen. Im Januar sollen die Minister der Mitgliedstaaten und das Parlament dann den endgültigen Kompromiss beschließen. [dh]

+++UPDATE+++ Der Grünen-Abgeordnete Bart Staes begrüßte das Abstimmungsergebnis. Die Basis für Anbau-Verbote könne dadurch gestärkt werden. Trotzdem sei seine Partei „sehr besorgt“, weil der Verbotsmechanismus insgesamt nichts an der mangelnden Risikobewertung durch die EU-Lebensmittelbehörde ändern werde. Das Parlament müsse nun kämpfen, um echte Verbesserungen zu erzielen.

Mehr Infos zum Opt-Out:

10.11.2014 |

„Inakzeptable“ Einschätzungen, enge Industrie-Verbindungen

Labor Studie Wissenschaft Foto: tlgoa / freeimages

Im Oktober erschien eine von der EU finanzierte Untersuchung zu einem gentechnisch veränderten Mais des US-Konzerns Monsanto. Sie soll gezeigt haben, dass bei Ratten „keine negativen Effekte“ auftreten, wenn sie mit dem insektengift-produzierenden MON810-Mais gefüttert werden. Experten aus München widersprechen: es seien signifikante Auswirkungen auf Blutserum und Bauchspeicheldrüse zu erkennen. Zudem bestünden Hinweise auf Interessenkonflikte bei Forschern und Chefredaktion des Fachjournals, in dem die umstrittene Studie erschien.

Für die Studie wurden Ratten 90 Tage lang mit zwei Sorten von gentechnisch verändertem MON810-Mais gefüttert. Sie hat besonderes Gewicht, da die EU-Kommission sie in Auftrag gegeben hat, um Methoden der Risikobewertung zu testen. Wie Gesundheitsrisiken von Gentechnik-Pflanzen künftig geprüft werden, hängt also auch von dieser Untersuchung ab, die Bestandteil des Projekts GRACE (GMO Risk Assessment and Communication of Evidence) ist. Es läuft noch bis Ende November 2015. Das Fazit, formuliert von der Genius GmbH, die die GRACE-Webseite betreibt: „Die Ergebnisse zeigten, dass die beiden untersuchten gv-Maissorten bei den Versuchstieren keine negativen Effekte auslösten.“

„Inakzeptabel“, heißt es dazu beim Verein Testbiotech aus München. Denn „eine signifikante Abnahme des Gehalts an Gesamtprotein (Gesamteiweiß) im Serum, die Verringerung des Pankreasgewichts und die Erhöhung des Glukosespiegels“ seien als irrelevant abgetan worden. Zudem seien die nach internationalen Standards vorgeschriebenen Gewebeuntersuchungen nicht immer durchgeführt, die von der Maismenge abhängige Veränderung der Bauchspeicheldrüse der Ratten hingegen „völlig“ verschwiegen worden.

„Das führt uns zu dem Schluss, dass die Studie im Sinne einer Sicherheitsbewertung als weitgehend wertlos betrachtet werden muss“, so Testbiotech. Neben der fachlichen Kritik wirft der Expertenverein den GRACE-Forschern vor, potenzielle Interessenkonflikte nicht vollständig angegeben zu haben. Der korrespondierende Autor, Pablo Steinberg von der Tierärztlichen Hochschule Hannover, ist beispielsweise Mitglied einer Expertengruppe des International Life Sciences Institute (ILSI), einer Lobbyorganisation, die die Interessen von Lebensmittel- und Tabakkonzernen gegenüber Politik und Behörden vertritt – auch von Monsanto, dem Hersteller des fraglichen Gentech-Maises.

Kritik gibt es auch an der Fachzeitschrift „Archives of Toxicology“, die die Studie veröffentlichte. Nicht nur hätten deren Chefredakteure ebenfalls Verbindungen zur Chemie- und Tabakindustrie. Testbiotech weist auch darauf hin, dass Steinberg eine beratende Rolle beim Journal spielt. Laut Website gehört er zu den „Advisory Editors“. Daher könne es „nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei der GRACE-Veröffentlichung um einen Fall von 'Selbst-Publikation' handelt, dem es an ausreichender externer und neutraler Kontrolle mangelt“, gibt Testbiotech zu bedenken. [dh]

10.11.2014 |

Tagung: Unfaire Kostenverteilung bei Gentechnik

BÖLW Herbsttagung 2014 Foto: Joyce Möwius, BÖLW

Über 200 Millionen Euro müssten Landwirte, Händler und Futtermittelmühlen zusätzlich aufbringen, wenn in Deutschland zu 50 Prozent gentechnisch veränderter Mais angebaut würde. Auch heute fallen für die Trennung der Warenströme schon hohe Kosten an, die vor allem diejenigen tragen müssen, die keine Gentechnik einsetzen wollen. Sollten also die Verursacher zur Kasse gebeten werden? Oder Gentechnik-Fütterung gänzlich aus Tierställen verbannt werden? Darüber diskutierten Vertreter der Regierung, der Bio-Branche und des Supermarkt-Konzerns Rewe letzte Woche in Berlin.

Getrennter Transport und Lagerung, aufwendige Reinigung von Verarbeitungsmaschinen und Analysen auf Gentech-Verunreinigungen - all das fällt entlang der Wertschöpfungskette für gentechnikfreie Produkte an. Würde auf Gentechnik-Futter generell verzichtet, könnten Milliarden gespart werden, erklärte Axel Wirz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Allein bei der Milch hätten im Jahr 2013 über zwei Milliarden Euro an Zusatzkosten vermieden werden können, so der Agraringenieur und Betriebswirt.

Derzeit müssen diese Summen von den gentechnikfrei wirtschaftenden Betrieben gestemmt werden. Gerecht wäre, wenn die Kosten von den Gentechnik-Anwendern übernommen würden, sagte Alexander Beck vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Das stieß bei Landwirtschafts-Staatssekretärin Maria Flachsbarth (CDU) auf Skepsis. Betriebe außerhalb Europas – die beispielsweise Futtermittel für die Tierhaltung hierzulande liefern – könne man juristisch kaum belangen, wenn Gentechnik-Pflanzen dort auftauchen, wo sie eigentlich nicht enthalten sein sollen.

Eine mögliche Lösung? Den Anbau von transgenen Pflanzen in Deutschland verbieten und die Tiere nur noch mit gentechnik-freiem Futter versorgen – dieser Vorschlag kam nicht von einem Öko-Lobbyisten, sondern von Ludger Breloh, der den Einzelhandelskonzern Rewe bei der Herbsttagung des BÖLW am Donnerstag repräsentierte.

Rewe ist Mitglied im Verband Lebensmittel Ohne Gentechnik und setzt immer stärker auf gentechnikfreies Futter für die Tiere, deren Produkte unter Marken des Supermarkts im Kühlregal liegen. Das betrifft vor allem Hühnerfleisch und Eier, dazu Milch, in Zukunft wohl auch Schweinefleisch. 100 Prozent gentechnikfreies Futter sowie ein generelles Anbauverbot auf Äckern in Deutschland sei „umsetzbar und realistisch“, wird Rewe-Manager Breloh in einer Mitteilung des BÖLW zitiert.

Das Problem bei tierischen Erzeugnissen ist, dass auf der Verpackung nicht angegeben werden muss, ob gentechnisch verändertes Futter eingesetzt wurde. Diese Transparenzlücke will die Bundesregierung laut ihrem Koalitionsvertrag eigentlich schließen, nötig sind Änderungen auf EU-Ebene. Bislang ist nichts passiert. Das Thema sei aber nicht vergessen, versicherte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth zu Beginn der Tagung. [dh]

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