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WHES 2014 PK Wir haben es satt
Einige Veranstalter der Demonstration 'Wir haben Agrarindustrie satt' am 18. Januar (Foto: Volker Gehrmann)

Demo für Agrarwende: Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

13.01.2014

Am kommenden Samstag werden in Berlin wieder zahlreiche Menschen für eine andere Agrarpolitik demonstrieren. Die Veranstalter rechnen mit 20.000 Teilnehmern, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Über 100 Organisationen unterstützen die Forderung nach einer Agrarwende, heute stellten einige ihre Anliegen vor. Neben Tierwohl und Gentechnik steht dabei das geplante Freihandelsabkommen zwischen EU und USA ganz oben auf der Themenliste.

So warnte Shefali Sharma eindringlich vor einer Absenkung von Verbraucherschutzstandards im Tausch gegen Handelszugeständnisse. Die US-Amerikanerin arbeitet für das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) mit Sitz in Minneapolis. Es gehe für Washington vor allem um das amerikanische Modell der Fleischproduktion – ein gescheitertes Modell, das nun nach Europa exportiert werden solle. Deshalb dränge die US-Industrie auf Deregulierung: die Europäer sollen gentechnisch veränderte Organismen schneller zulassen, chemisch behandeltes Fleisch und Wachstumshormone akzeptieren. Auch Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung betonte, der Agrarsektor sei für die USA der wichtigste Posten beim Freihandel. Die Beteuerungen aus Berlin und Brüssel, der Verbraucherschutz werde nicht geschwächt, sei daher unglaubwürdig – denn nur hier, mit Zugeständnissen bei der Lebensmittelherstellung, habe Europa den USA etwas anzubieten. Mit einer generellen Anerkennung der amerikanischen Standards, wie sie womöglich geplant sei, würden strengere EU-Gesetze jedoch ausgehebelt, so Maier.

Sharma verdeutlichte eines der Folgeprobleme der industriellen Fleischproduktion. In ihrem Land habe der verbreitete Medikamenteneinsatz in den Ställen zu vielen Tausend Toten geführt – weil Krankheitserreger gegen Antibiotika resistent wurden und Ärzte oft kein Mittel mehr finden, das noch wirkt. Das sei mittlerweile auch in der EU ein drängendes Problem, erinnerte Reinhild Benning vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Mehr als 20.000 Menschen jährlich stürben offiziellen Zahlen zufolge an resistenten Krankheitserregern, so die Agrarexpertin. Doch nicht nur Antibiotika werden in der industriellen Viehhaltung verabreicht, auch Hormonpräparate kommen zum Einsatz. In der Mast sei das zwar verboten, in der Zucht jedoch nicht – bei Schweinen würden solche Mittel systematisch eingesetzt, um den Sexualzyklus im Stall „gleichzuschalten“, wie der BUND letzte Woche berichtete.

Zuletzt ging der Fleischkonsum der Deutschen zwar ein wenig zurück, doch die Produktion im Land ist weiter gestiegen. Der Überschuss werde exportiert, so Benning. Der Weltmarkt kenne jedoch keinen Tierschutz. Mit der Demonstration solle darum auch ein Zeichen an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschickt werden, sich endlich eindeutig zu äußern und die Exportausrichtung nicht zu unterstützen. Von Agrarminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Verbraucherminister Heiko Maas (SPD) erwartet Benning eine Reaktion auf die Hormonstudie. „Wegducken wird ihnen auf Dauer nicht gelingen,“ so die BUND-Vertreterin. Ihr Kollege Florian Schöne vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) äußerte ebenfalls Kritik am Landwirtschaftsministerium. Dieses werde immer bedeutungsloser, nachdem der Verbraucherschutz dem Justizministerium zugeschlagen worden sei. Man müsse darüber nachdenken, das Ministerium „in seine Einzelteile“ zu zerlegen und neu zu ordnen, um eine echte Verbesserung für den ländlichen Raum zu erreichen. Die Politik der letzten Jahre, zunehmende Monokulturen und „Vermaisung“ hätten zu einem Artensterben geführt, dem nützliche Insekten und zahlreiche Vogelarten zum Opfer gefallen seien, so Schöne.

Die Auswirkungen der Fehlanreize im Landwirtschaftssystem zeigen sich aber nicht nur vor der Haustür. Das für die Tiere nötige Futter stammt von den Gentechnik-Soja-Plantagen Südamerikas – dort fehlten wiederum Flächen für Nahrungsmittel, sagte Barbara Wiegard vom kirchlichen Hilfswerk Misereor, das die Demonstration ebenfalls unterstützt. Das Argument, mit der Industrialisierung der Agrarproduktion könne der Hunger bekämpft werden, wies Wiegard zurück. Hier würden Hungernde als Begründung „missbraucht“. Ähnlich sieht das Rupert Ebner von der Organisation Slow Food. Die Demo fordere „gutes Essen für alle“ - das könne es aber nur geben, wenn statt auf Industrieprozesse auch bei Lebensmitteln wieder auf handwerkliches Können und ökologische Maßnahmen gesetzt werde. Mit ihren tausenden Teilnehmern könne die Veranstaltung spürbaren Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte entfalten.

Jochen Fritz, einer der Organisatoren der Demonstration, freute sich schon auf Samstag. Es hätten sich bereits über 50 Bauern mit Traktor für den Zug vom Potsdamer Platz zum Kanzleramt angemeldet. Aus dem ganzen Land kämen 50 bis 60 Busse voller Teilnehmer. Ein breites gesellschaftliches Bündnis kommt da laut Fritz nach Berlin. „Ich glaube, es ist ein Novum, dass Veganer zusammen mit Milchbauern für eine andere Agrarpolitik kämpfen“, so der Vertreter des Bündnisses „Meine Landwirtschaft“. Eine andere Art der Landwirtschaft sei machbar: „Wir sind überzeugt, dass diese von Menschen gemachten Gesetze auch von Menschen verändert werden können.“ [dh]