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Lobbyismus EFSA shakehands Interessenkonflikt
Foto: mikecco / freeimages

Fast 60% der EU-Gentechnik-Experten sind mit Industrie verbandelt

24.10.2013

Über Interessenkonflikte bei der EU-Lebensmittelbehörde EFSA wurde schon häufig diskutiert. Nun zeigt ein neuer Bericht von Corporate Europe Observatory (CEO): Mehr als die Hälfte der Sachverständigen, die Industrie-Produkte bewerten, haben enge – oft finanzielle - Kontakte zur Industrie. Auch bei den Experten des Gentechnik-Gremiums sind mindestens 11 von 19 (58%) betroffen, darunter auch der Vorsitzende und seine Stellvertreter.

Zwar erkennt die Organisation CEO die Bemühungen der EFSA an, die Transparenz zu erhöhen und Abhängigkeiten zu mindern. So habe die Behörde mit Sitz im italienischen Parma 85 Experten von einer Tätigkeit in ihren Gremien ausgeschlossen. Dennoch: 122 von 209 Wissenschaftlern haben „mindestens einen Interessenkonflikt mit dem kommerziellen Sektor“, so der Bericht. „Wir waren überrascht, so viele zu finden.“ Und dabei hatte CEO einen „konservativen“ Ansatz gewählt und lediglich die Angaben geprüft, die die Experten der EFSA in ihren offiziellen Angaben zu Interessenkonflikten gemacht haben.

Im Gentechnik-Gremium, das die Anträge von Agrarkonzernen auf Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen (und künftig wohl auch Tiere) bewertet, konnte CEO nur für 3 von 19 Experten Entwarnung geben. Bei 5 weiteren konnte wegen mangelnder Angaben kein Urteil gefällt werden. Der Rest, 11 Experten, sind auf die eine oder andere Weise mit der Gentechnik-Industrie verbandelt. Drei von ihnen haben sogar für „Institutionen mit substantiellen Verbindungen zur Industrie“ gearbeitet. Das sind mehr als bei allen anderen Experten-Gremien der EFSA. Sieben der Wissenschaftler erhalten oder erhielten Forschungsgelder von Unternehmen, fünf waren oder sind beratend tätig.

CEO verweist auf die besondere Rolle der Lobbyorganisation International Life Sciences Institute (ILSI) und kritisiert, die EFSA toleriere, dass manche ihrer Experten gleichzeitig für diese tätig sind. „ILSI, mitgegründet von Philip Morris, wird finanziert von multinationalen Lebensmittel-, Chemie-, Pestizid-, Gentechnik- und Pharmazie-Konzernen, z.B. Coca-Cola, BASF, Unilever, Syngenta, Pfizer, usw.“ Frühere Berichte verschiedener Organisationen hatten auch bei den Gentechnik-Beratern der EFSA enge Kontakte zu ILSI festgestellt.

„Experten mit Interessenkonflikten dominieren alle Gremien bis auf eines“, erklärte der Hauptautor der CEO-Studie, Stéphane Horel. „Wir haben herausgefunden, dass die meisten Konflikte mit Forschungsgeldern und privaten Beraterverträgen zu tun haben, aber einige für Wissenschaftler wichtige Institutionen (wissenschaftliche Gesellschaften, Fachzeitschriften) werden ebenfalls von Lobbymaßnahmen der Industrie beeinflusst und die EFSA ignoriert das offenbar.“

Der grüne EU-Parlamentarier Martin Häusling sagte in einer Pressemitteilung: „Es ist ein Skandal, dass die EFSA anscheinend wegschaut und falsche Deklarationen ihrer Mitarbeiter einfach ungeprüft durchgehen. Nun ist nicht nur die EFSA sondern auch die Kommission gefragt, wie sie endlich die Verwicklung zwischen der EFSA und der Industrie beenden will. Wir brauchen eine Agentur für die Lebensmittelsicherheit in Europa, die wirklich unabhängig und zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher arbeitet.“ [dh]