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Foto: spekulator / freeimages

Pestizid-Hersteller wollte kritischen Forscher ruhig stellen

18.06.2013

Erst wollten sie ihm Zugang zu „unbegrenzten Forschungsmitteln“ bieten, dann in seinem Privatleben und dem seiner Ehefrau schnüffeln. Nur einige der Strategien, die der Schweizer Gentechnik- und Pestizid-Hersteller Syngenta erwog, um einen kritischen Forscher einer kalifornischen Universität ruhig zu stellen. Dieser hatte das Unkrautvernichtungsmittel Atrazin untersucht und festgestellt, dass es die Geschlechtsorgane von Fröschen schädigte oder gar Männchen zu Weibchen machte. Auch über einen Richter sammelte der Konzern offenbar private Informationen.

Im Rahmen eines Gerichtsverfahrens, bei dem es um die Säuberung atrazin-belasteter Gewässer in den USA ging, musste Syngenta vor einigen Jahren Einblick in Akten und Korrespondenz gewähren. Vor kurzem wurden sie nun auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eine Journalistin des 100Reporters-Netzwerk hat sie ausgewertet. Ihr Fazit: der Konzern habe eine „aggressive Multi-Millionen-Dollar-Kampagne“ gestartet, um Kläger zu entmutigen und negative Berichterstattung über seine Agrochemikalien zu vermeiden. Einerseits habe Syngenta eine Datenbank mit über 100 wohlgesonnenen „Experten“ geführt, die bei Bedarf für scheinbar unabhängige Analysen oder Kommentare in Medien herangezogen werden konnten – gegen üppige Bezahlung. Andererseits habe das Unternehmen Privatdetektive angeheuert, die potenzielle Gegner auf private Probleme scannte, um diese nötigenfalls gegen sie zu verwenden.

Im Atrazin-Fall hatte es der Konzern besonders auf den Biologen Tyrone Hayes von der University of California in Berkely abgesehen. Dieser hatte eine Studie veröffentlicht, wonach das Herbizid Frösche „verweiblichen“ ließe und die Fruchtbarkeit mindere. Die Kommunikationsabteilung von Syngenta machte sich deshalb Gedanken, wie sie Hayes Glaubwürdigkeit herabsetzen könnte. Auf einem Notizzettel, der vor Gericht als Beweisstück diente, sind mehrere Ideen aufgelistet: Ihn mittels Fördergeldern zu kaufen, ein „psychologisches Profil“ über ihn zu erstellen, seine Vergangenheit und sogar die seiner Ehefrau zu untersuchen. Verworfen wurden offenbar die Vorschläge, auch seine Studenten an der Universität nach ihm zu befragen bzw. seinen familiären Hintergrund zu durchforsten. Die entsprechenden Notizen wurden durchgestrichen.

Gleichzeitig sollte die Öffentlichkeit gezielt mit Informationen über Atrazin gefüttert werden. So wurde Syngenta-intern diskutiert, den Suchbegriff „Tyrone Hayes“ zu kaufen, um nur noch die Werbematerialien des Unternehmens ausspucken zu lassen, wenn jemand nach kritischen Berichten über Atrazin suchte. Die veröffentlichten Gerichtsakten zeigen außerdem, dass Syngenta eine lange Liste mit externen „Unterstützern“ führte. Darunter waren Wissenschaftler, Lobbyisten und Regierungsfachleute, die im Auftrag des Unternehmens vor Kameras und Mikrofone treten konnten. Laut Aussage einer Syngenta-Mitarbeiterin vor Gericht erhielt ein Forscher der Universität Chicago beispielsweise 500 Dollar pro Stunde von Syngenta, um die wirtschaftliche Notwendigkeit von Atrazin zu betonen. Die Daten habe er vom Konzern selbst bekommen, dieser habe die schriftlichen Analysen des Wissenschaftlers auch anschließend den eigenen Bedürfnissen angepasst, heißt es im 100Reporters-Bericht.

Am Ende hat sich die Kampagne für Syngenta ausgezahlt. Das Verfahren um Atrazin wurde letztes Jahr ohne Schuldspruch eingestellt, der Konzern beteiligte sich mit 100 Millionen Dollar an den Säuberungen von Gewässern in den USA. Dort darf Atrazin vorerst auch weiterhin in der Landwirtschaft, auf Golfplätzen und öffentlichen Grünflächen eingesetzt werden. In der EU ist das Mittel seit 2004 verboten. [dh]