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Lobbyismus GRACE
Das Projekt GRACE ist mit industrie-nahen Experten besetzt (Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio)

Gentechnik-Risiken: Neues Forschungsprojekt, gleiche Schwächen?

22.04.2013

Die Behörden, die gentechnisch veränderte Pflanzen prüfen und zur Zulassung freigeben, stehen immer wieder in der Kritik. Insbesondere die Nähe mancher Sachverständiger zu den Firmen, deren Produkte sie bewerten sollen, wurde wiederholt angeprangert – nicht nur von Umweltorganisationen, sondern auch von Parlament und Rechnungshof der EU. Mit einem Workshop in Berlin startet heute ein neues offizielles Forschungsprojekt zur Bewertung von Gentechnik-Risiken. Doch wieder haben viele der Beteiligten enge Kontakte zur Agro-Industrie.

Mit 7,7 Millionen Euro, hauptsächlich von der EU-Kommission, soll das Projekt GRACE (GMO Risk Assessment and Communication of Evidence) zunächst vorhandene Studien zu den Auswirkungen der Agro-Gentechnik auswerten – „sowohl Risiken als auch Nutzen“ sollen laut Selbstbeschreibung beachtet werden. Da wissenschaftliche Untersuchungen nicht immer gleich aussehen, werden die GRACE-Experten einheitliche Standards vorschlagen. Anschließend widmen sie sich der Dauerstreitfrage, ob 90-tägige Fütterungsstudien mit Mäusen oder Ratten ausreichen, um potenzielle Gesundheitsgefahren von transgenen Pflanzen ausschließen zu können. Gentechnik-Kritiker halten diese für viel zu kurz, die Hersteller der Pflanzen müssen bislang aber noch nicht mal diese Kurzuntersuchungen verbindlich einreichen.

Ob GRACE in diesem Punkt allerdings Einigkeit herbeiführen kann, ist mehr als fraglich. Denn die Projektteilnehmer werden zwar verschiedene Fütterungsstudien durchführen, nicht jedoch die von Umweltschützern geforderten Langzeituntersuchungen, heißt es in einem Bericht der Organisation Testbiotech. So könnten die Vorteile der längeren Studien natürlich nicht festgestellt werden, meinen die Kritiker. GRACE weise „schwere konzeptionelle Mängel“ auf. Auch wird bemängelt, dass nur insekten-giftiger Gentech-Mais und stärkemodifizierte Kartoffeln in Tests verfüttert werden sollen, nicht jedoch die gegen chemische Spritzmittel resistent gemachten Pflanzen – diese sind aber am weitesten verbreitet. Dennoch tritt beispielsweise die deutsche Bundesregierung dafür ein, die Ergebnisse des Projekts für die künftige Risikobewertung in der EU zu Grunde zu legen.

Auf noch schärfere Kritik stößt allerdings die Besetzung des GRACE-Teams. So befürworte der Koordinator, Joachim Schiemann vom Julius Kühn Institut, die Risikotechnologie nicht nur. Er habe auch selbst ein Patent auf Gentechnik-Pflanzen angemeldet, heißt es im Testbiotech-Bericht. Sechs weiteren Experten wird vorgeworfen, der International Society for Biosafety Research (ISBR) anzugehören. In ihr tummeln sich auch Mitarbeiter von Agrarkonzernen wie Monsanto und Syngenta, die Konferenzen der Organisation bezahlen die Firmen.

Manche der GRACE-Beteiligten sind außerdem mit der Lobby-Gruppe ILSI (International Life Sciences Institute) verbandelt. Diese dachte sich beispielsweise ein Konzept für eine möglichst harmlose Risikoprüfung aus – es wurde zur Grundlage für das offizielle Verfahren, kurz nachdem einige der ILSI-Experten für eine Tätigkeit im Gentechnik-Gremium der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA ausgewählt worden waren. Einer von ihnen, der Niederländer Gijs Kleter, hält morgen einen Einführungsvortrag beim GRACE-Workshop in Berlin. Das Thema: gesundheitliche und sozio-ökonomische Auswirkungen transgener Pflanzen.

Unter den Projektpartnern finden sich außerdem eine PR-Agentur, die die Gentechnik-Unternehmen Syngenta, Bayer und BASF zu ihren Kunden zählt, ein firmennahes Lobbynetzwerk und das US-Landwirtschaftsministerium. In den USA dominiert die Gentechnik beim Anbau von Kulturpflanzen wie Soja, Mais und Baumwolle. „Insgesamt ist bei GRACE weder die nötige Unabhängigkeit noch eine ausreichende Transparenz gewährleistet“, schlussfolgert Christoph Then von Testbiotech. „Die EU-Kommission hat hier Millionen an Forschungsgeldern vergeben, ohne die beteiligten Experten ausreichend auf mögliche Interessenkonflikte zu überprüfen. Im Ergebnis kann das Projekt dazu führen, dass die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen falsch eingeschätzt und Gefahren für Mensch und Umwelt nicht rechtzeitig erkannt werden.“ [dh]