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Umfrage PRICE
Die Umfrage gibt laut Kritikern falsche Informationen zur Agro-Gentechnik (Foto: Thorben Wengert / pixelio.de)

Kritik an EU-finanzierter Gentechnik-Umfrage

29.01.2013

In einigen Mitgliedsstaaten der EU wird derzeit eine Umfrage unter Landwirten durchgeführt. Nach offiziellen Angaben soll sie dazu beitragen, möglichst effiziente und günstige Maßnahmen zur Koexistenz gentechnisch veränderter und konventioneller Pflanzen zu bestimmen. Dafür erhalten die beteiligten Forschungsinstitute insgesamt vier Millionen Euro von der Europäischen Kommission. Doch die britische Organisation GM Freeze kritisiert, die befragten Landwirte bekämen „ungenaue und irreführende Informationen“. Dort und in Deutschland soll das Forschungsprojekt die Bereitschaft der Bauern, transgene Pflanzen künftig anzubauen, ausloten. Eine deutsche Behörde bat die Landwirte um Teilnahme.

In Großbritannien ist die Universität Reading für die Umfrage zuständig. An insgesamt 3.031 Landwirte, die Mais, Raps oder Zuckerrüben anbauen, sei sie verschickt worden, teilte der Direktor des landwirtschaftlichen Instituts, Richard Tranter, auf Anfrage des Infodiensts mit. Die Befragten sollen neben allgemeinen Angaben zu ihrem Hof Fragen zur Agro-Gentechnik beantworten.

Dort heißt es beispielsweise, momentan würden im Land keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut, in der EU gebe es nur eine insektengift-produzierende Maispflanze (womit der Monsanto-Mais MON810 gemeint ist). „Diese Gentechnik-Mais-Variante ist resistent gegen den europäischen Maiszünsler, was bedeutet, dass die Pflanze nicht mit Pestiziden gegen diesen Schädling besprüht werden muss, um deutliche Ernteverluste und Giftstoffe in Maissilagen zu vermeiden.“ Direkt im Anschluss wird gefragt, ob die Landwirte sich vorstellen könnten, gentechnisch veränderten Raps anzubauen, wenn die Regierung diesen zulasse, beispielsweise im Jahr 2015. Es sind vor allem solche Passagen, die GM Freeze kritisiert.

Denn erstens sei es unrealistisch, dass 2015 entsprechender Gentech-Raps im Land gepflanzt werden dürfe. Dafür lägen keine Anträge vor. Und zweitens werde verschwiegen, dass Schädlinge und Unkräuter Resistenzen entwickeln können. Dies geschieht unter anderem in den USA, wo auf breiter Flur Gentechnik-Pflanzen wachsen, die gegen Pestizide resistent sind oder eigene Gifte produzieren. Nach einigen Jahren verpufft ihr Effekt, noch mehr Gifteinsatz ist die Folge. Die Kosten für Landwirte stiegen dadurch ebenfalls, so GM Freeze. Sprecher Pete Riley bezweifelte auch die Grundannahme des Forschungsprojekts, dass Koexistenz von Gentechnik und herkömmlicher Landwirtschaft prinzipiell möglich sei.

Außerdem kritisierte er, die befragten Bauern hätten keine Möglichkeit, den Urheber der Umfrage festzustellen. „Wir waren sowohl sehr von der mangelnden Transparenz, wer diese Studie in Auftrag gegeben hat, überrascht, als auch von den grundlegenden faktischen Fehlern in den Informationen, die die Landwirte erhielten“, so Riley. In den englischsprachigen Fragebögen, die dem Infodienst vorliegen, ist nur die Universität Reading als Ansprechpartner angegeben. Dass die Umfrage von der EU-Kommission finanziert wird, ist nicht ersichtlich. Sie ist Teil des Projekts PRICE („Practical Implementation of Coexistence in Europe“) und wird von verschiedenen Forschungseinrichtungen durchgeführt. In Deutschland ist neben der TU München und dem Julius Kühn-Institut aber auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) beteiligt. Die Behörde ist für die Registrierung von Gentechnik-Pflanzen hierzulande zuständig.

Während man in Großbritannien das Telefonbuch konsultieren musste, um die Adressen der Interviewpartner herauszufinden, habe in Deutschland das BVL die Vermittlung übernommen, erklärte der Projektbeteiligte der EU-Kommission, Koen Dillen, der auch an der Katholischen Universität Leuven beschäftigt ist, in einem Workshop-Vortrag von November letzten Jahres (außerdem hieß es in seiner Präsentation, große Abstände zwischen Gentechnik-Feldern und herkömmlichen Äckern, wie Umweltschützer sie fordern, seien unrentabel). Auf Anfrage des Infodiensts bestätigte ein Sprecher, das BVL habe „die Landwirte um Unterstützung bei einer Frageaktion der TU München im Rahmen des gemeinsamen EU-Forschungsprojektes PRICE gebeten.“ Zu den Zahlen und der Methodik wollte die Behörde vor Abschluss des Projekts keine Angaben machen.

Auch der Projektkoordinator, Justus Wesseler vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan an der Münchner Universität, gab dazu keine näheren Auskünfte. Man plane, die Ergebnisse der Umfrage im kommenden November auf der Konferenz GMCC-13 („International Conference on Coexistence between Genetically Modified (GM) and non-GM based Agricultural Supply Chains“) in Lissabon vorzustellen. Neben der Finanzgruppe Crédito Agrícola fördert auch der US-Gentechnikhersteller Monsanto die Veranstaltung. [dh]