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Fleischatlas 2013
Der hohe Fleischkonsum verursacht viele Umweltschäden, auch durch die Verfütterung von Gentechnik-Soja (Foto: Fleischatlas, Heinrich-Böll-Stiftung, BUND, Le Monde Diplomatique, Creative Commons Lizenz CC-BY-SA)

„Fleischatlas“: Gentechniksoja für deutschen Fleischhunger

10.01.2013

Schnitzel, Schinken, Speck – 60 Kilogramm Fleisch isst der durchschnittliche Deutsche pro Jahr. Damit liegt der pro-Kopf-Verzehr hierzulande deutlich höher als in vielen anderen Industriestaaten, und doppelt so hoch wie in den Ländern des globalen Südens. Die Folgen dieses Heißhungers spüren zuerst Umwelt und Kleinbauern. Beispielsweise in Brasilien und Argentinien, wo das Soja für die Futtertröge unserer Rinder und Schweine angebaut wird – 90 Prozent davon ist gentechnisch verändert. Der heute in Berlin vorgestellte „Fleischatlas“ zeigt die komplexen Zusammenhänge eines industrialisierten Landwirtschaftssystems auf.

„Wir essen auch auf Kosten der Menschen in der dritten Welt“, sagte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, auf der Pressekonferenz. Zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Zeitschrift Le Monde Diplomatique hat ihre Stiftung die Fakten für den Fleischatlas zusammengetragen. Der zeigt: Die heimischen Ackerflächen reichen längst nicht mehr aus. Um immer mehr Tiere zu mästen, belegten die Industrieländer heute bereits ein Drittel der weltweiten Agrarfläche für die Futtermittelproduktion so Unmüßig. Von dort kommen jedes Jahr Millionen Tonnen von Gentechnik-Soja als Rohstoff, als Schrot oder Öl per Schiff nach Europa.

Vielen Verbrauchern sei dies nicht bekannt, sie wüssten nicht, wie sich ihre Ernährungsweise global auswirkt, fügte die Stiftungsvorsitzende an. Dass Tausende von Kleinbauern ihre Existenzgrundlage verlieren, während sich die Gentech-Soja-Plantagen immer weiter in den Regenwald fressen. Dass Grund- und Trinkwasser mit dem Totalherbizid Glpyhosat („Roundup“), auf das die gentechnisch veränderten Pflanzen zugeschnitten sind, belastet werden. Erst im Herbst letzten Jahres tourten zwei Argentinierinnen durch Europa, um von der Vergiftung ihrer Nachbarschaft durch das Spritzmittel, von Krebsleiden und Fehlgeburten zu berichten.

Doch auch in den Industriestaaten verursacht die Fleischproduktion Umweltschäden. Vor allem in den Küstenregionen der Niederlande, Südenglands, insbesondere auch Niedersachsens, sei die Belastung von Gewässern gravierend, warnte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Dort, in Nähe zu den großen Überseehäfen, stehen viele der Tierfabriken, in denen das Import-Soja verfüttert wird. Die Ausscheidungen der Masttiere müssen irgendwo ausgebracht werden, wodurch in diesen Gegenden zu viel Stickstoff in die Böden, und damit auch ins Grundwasser, gelangt. In Teilen Niedersachsen könne daraus deshalb schon kein Trinkwasser mehr gewonnen werden, so Weiger.

„Das billigste Fleisch ist das teuerste Fleisch“, meinte der BUND-Vorsitzende mit Blick auf die Folgekosten der industriellen Massentierhaltung. Tiere, Umwelt und Kleinbauern litten darunter, während Agrochemie- und Lebensmittelkonzerne Milliarden verdienten. Weiger forderte deshalb unter anderem eine verbindliche Kennzeichnung auf Fleisch-Verpackungen, ob Gentechnik-Futtermittel eingesetzt wurden. Die Herausforderungen seien sehr komplex. Deswegen brauche es neben der Energiewende auch eine „Agrarwende“, sagte Weiger mit Bezug auf die Verhandlungen über die Gemeinsame Agrarpolitik der EU. Auch die Bundesregierung müsse dort ihre Blockade aufheben. [dh]