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Soja
„Massive Zweifel“ an WWF-Studie zur Gentechnik-Soja berechtigt (Foto: Franz Haindl/pixelio)

„Massive Zweifel“ an WWF-Studie scheinen berechtigt

21.08.2012

In seinem heute veröffentlichten Bericht schätzt der Umweltverband WWF den Gentechnik-Anteil am nach Deutschland importierten Soja auf „über 80 Prozent.“ Diese Zahl ist weder neu noch gesichert. Als Alternative empfiehlt der Verband unter anderem Soja aus der „gentechnikfreien Lieferkette des RTRS“ (Round Table on Responsible Soy), einer Plattform des WWF und der Gentechnik-Industrie. Selbiges ist laut einer WWF-Referentin zurzeit allerdings nicht auf dem Markt verfügbar.

Neue – und vor allem belastbare – Zahlen zu den Mengen der eingeführten Gentechnik liefert der WWF nicht. Wie seine Referentin Birgit Wilhelm dem Informationsdienst Gentechnik bestätigte, beruht der in dem aktuellen Bericht genannte Gentechnikanteil von „über 80 Prozent“ bei Soja auf Angaben des Deutschen Verbands Tiernahrung (DVT) und auf Schätzungen. Versuche, genauere Zahlen zu erfahren, scheiterten Wilhelm zufolge an der Geheimniskrämerei des Industrieverbands, zu dem neben dem weltweit größten Futtermittelkonzern Cargill auch das Agrochemieunternehmen BASF gehört. Anfragen bei den bedeutenden Importeuren und Futtermittelherstellern seien ergebnislos geblieben, so Wilhelm. Eine offizielle Statistik gibt es dazu nicht. Der Brancheninsider Bernt Antonsen, Commercial Director des Genfer Handelsunternehmens AgroTrace S.A., sagte dem Infodienst, seiner Ansicht nach liege der Anteil der Gentechnik-Soja „eher etwas geringer“ als 80 Prozent. Die Menge sei darüber hinaus rückläufig.

Und auch mit einer vom WWF vorgeschlagenen Alternative scheint es nicht weit her zu sein. Einerseits hält Antonsen die vom Verband empfohlenen „Basler Kriterien“, einen Standard zur Produktion von Soja, durchaus für lobenswert. Andererseits äußerten er und ein weiterer Händler „massive Zweifel“ an dem vom WWF ins Leben gerufenen Round Table on Responsible Soy (RTRS) und dessen „gentechnikfreier Lieferkette“.

Und das anscheinend zurecht: Auf Anfrage des Infodiensts teilte WWF-Referentin Wilhelm mit, gentechnikfreies RTRS-Soja sei im Moment nicht auf dem Markt erhältlich. Auch gebe es hierzu keine konkreten Zahlen. Die Hersteller und Importeure hätten zwar erklärt, bei entsprechender Nachfrage gentechnikfreies Soja liefern zu können. Im Gegensatz zu den Einschätzungen des Umweltverbands behaupteten sie jedoch, bislang keine Bestellungen erhalten zu haben, so Wilhelm. Es stünde hier „Aussage gegen Aussage.“

Bleibt die Frage, warum der WWF gerade zum jetzigen Zeitpunkt eine Studie mit längst bekannten Informationen und ohne gesicherte Zahlen veröffentlicht. Bernt Antonsen hat da seine Vermutungen: Im September finde in Zürich ein Workshop des RTRS für Händler und Lebensmittelunternehmen statt. Bis dahin „wollen sie den Boden wettmachen, den sie verloren haben“, so Antonsen mit Blick auf die Negativ-Schlagzeilen, die der Verband wegen der Kontroversen um den RTRS und um das „Schwarzbuch WWF“ des Journalisten Wilfried Huismann hinnehmen musste. Der Autor hatte dem Umweltverband vorgeworfen, zu eng mit Gentechnik-Konzernen wie Monsanto zusammen zu arbeiten.

„Boden wettmachen“ ist aus RTRS-Sicht wohl auch dringend notwendig. Denn wie der Bericht des Umweltverbandes ebenfalls zeigt, könnte der Bedarf Deutschlands an Eiweißpflanzen durchaus ohne die Gentechnik gedeckt werden. Der WWF geht für das Jahr 2011 von insgesamt 13 bis 15 Millionen Tonnen gentechnikfreier Soja aus, die in Brasilien und der EU hergestellt worden seien. Die deutsche Futtermittelindustrie benötigte im Jahr zuvor insgesamt jedoch nur 4,5 bis 4,6 Millionen Tonnen Soja. Viele Unternehmen – und auch große Einzelhändler wie Rewe und Edeka Nord – stellen ihre Produktion zudem auf gentechnikfreie Futtermittel um. Mehr und mehr Unternehmen nutzen die offiziellen Siegel „Bio“ oder „Ohne Gentechnik“, die gentechnisch veränderte Bestandteile im Futter verbieten. Gleichzeitig empfiehlt der WWF nun aber das angeblich gentechnikfreie Soja des RTRS – und räumt gleichzeitig ein, dass es dieses zum jetzigen Zeitpunkt nicht gibt.