

Heute ist der Tag der Abschlusserklärungen. Vier Tage, in denen intensiv diskutiert und beraten wurde, liegen hinter den erschöpften, aber doch zufriedenen 700 TeilnehmerInnen aus über 100 Ländern. Es gibt noch viel zu tun und die Forderungen sind klar:
Als erstes braucht man unbedingt ein weltweites Moratorium für die Produktion von Agrar-Sprit und den Gentechnik-Anbau. Es muss eine Revolution der Landwirtschaft, die sich am Überleben und dem Respekt vor allen Menschen, Tieren und Pflanzen des Planeten orientiert, geben. Angesichts der Klima- und Biodiversitäts-Katastrophe bedarf es eines gemeinsamen, radikalen Paradigmenwechsels bei Bauern, Verbrauchern, Wissenschaftlern und Regierungen. Die aktuelle Nahrungsmittelkrise trotz landwirtschaftlichen Überflusses ist eine politische Schande, so die einhellige Meinung.
Ziel des bei "Planet Diversity" entstandenen weltweiten Netzwerks ist die Besinnung auf gemeinsame Werte und ein ganzheitliche Revolution in der Landwirtschaft und beim Lebensmittelverbrauch. Die "mittelalterliche Technologiegläubigkeit" vieler Politiker und Unternehmen soll durch kritischen, und vorsorgenden, praktischen Fortschritt überwunden werden.
Enttäuscht zeigten sich die TeilnehmerInnen von den Ergebnissen bei den Verhandlungen über ein internationales Haftungsrecht für Gentechnikschäden im Rahmen des Biosicherheits-Abkommens. Es zeige, wie wenig die Gentechnik-Unternehmen selbst deren Sicherheit trauen. Angela von Beesten vom ökologischen Ärztebund, die einen Workshop zu Gesundheitsrisiken der Gentechnik leitete, wies darauf hin, dass unabhängige Forschung und Gesundheitsbewertung durch Geheimhaltung praktisch unmöglich sei.
"Vielfalt statt Monokulturen" steht für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von "Planet Diversity" auch für eine ethische Neubesinnung: "Wir sind ein Teil und nicht die Herren der Natur", heißt es in ihrem Bonner Manifest.
Benedikt Haerlin, Mit-Organisator: "Die Monokulturen der vergangenen Jahrzehnte dienen nicht mehr der Produktion von mehr und besserer Nahrung. Sie ernähren nicht die Armen dieser Welt, sondern füttern die Fleischfabriken und Autos der Reichen. Sie schaden dem Klima, laugen die Böden aus, brennen die Wälder nieder, verschwenden und vergiften unser knappes Wasser und vertreiben Kleinbauern und Indigene von ihrem Land. Industrielle Landwirtschaft ist ein Fossil der Vergangenheit, das unsere natürliche und kulturelle Vielfalt und damit unsere Überlebensfähigkeit zu vernichten droht."
Hans Herren, Ko-Präsident des Weltagrarrates (IAASTD): "Business as usual ist schlicht keine Option mehr. Die Mittel und Technologien zur Überwindung des Hungers stehen zur Verfügung. Was fehlt ist einzig der politische Wille, sie klug und systematisch einzusetzen."
Vandana Shiva, indische Saatgut-Aktivistin: "Der Alarmruf des Weltagrarrates darf nicht wie der erste Bericht des Welt-Klimarates (IPCC) jahrelang ignoriert werden."
Mamadou Goita, Bauernführer aus Mali: "Wir Bauern können genügend Lebensmittel für die Bevölkerung von heute und von morgen produzieren, wenn wir nicht in die Abhängigkeit von multinationalen Handels-, Chemie- und Gentechnikkonzernen getrieben und unserer natürlichen Produktionsmittel beraubt werden.Saatgut, die Grundlage aller Landwirtschaft, ist kein Privatbesitz von Monsanto, Syngenta und Bayer, sondern das gemeinsame Erbe der Menschheit."
Guy Kastler vom französischen Netzwerk für bäuerliches Saatgut: "Das Recht auf Austausch, Nachbau, gemeinsame Fortentwicklung und Verkauf von Saatgut steht am Anfang einer Landwirtschaft im Dienste der Menschen statt des Profits. Hunger und Klimawandel können nur überwunden werden, wenn wir die Vielfalt wieder auf die Äcker bringen statt sie in Gen-Banken einzusperren."


19.30 Uhr: Zum Schluss sollte es ein Gedicht geben, doch Pipo Lernoud fand nur schwer poetische Worte nach der Verlesung des Planet Diversity Manifestes, wie er sagte. Auch fast ein Ding der Unmöglichkeit, eine Synthesis zu formulieren, bei all den Perspektiven und Meinungen, die in den letzten drei Tagen ausgetauscht wurden. Trotzdem gab es viele schöne Worte am Ende der Konferenz. Der Himmel verabschiedete sich mit viel Wasser von oben. Einen fruchtbareren Abschluss kann es kaum geben.
Drei heiße Tage Konferenz und Festival haben wir hinter uns. Heute ist der letzte Tag mit vollem Programm und gefüllt sind auch die Köpfe der TeilnehmerInnen. Mit Bildern, Geschichten, alten Bekannten und neuen Kontakten. Vor allem das „Networken“, also die Arbeit an einer Vernetzung mit anderen Aktiven stand für viele im Vordergrund. Nicht unbedingt die Inhalte, die für viele alteingesessene bekannt sein dürften.
Die fleißigen Wesen vom Organisationskomitee hingegen würden sich sicher wieder mehr inhaltlichen Input wünschen. Sie haben ein großes Lob verdient, denn seit Tagen versuchen sie diese bunte Gemeinschaft zu koordinieren, alle Bedürfnisse der unterschiedlichsten Individuen zu befriedigen und das große Chaos zu verhindern. Das Ergebnis ist für alle ersichtlich: Eine einzigartige Konferenz, die heute Abend zu Ende geht und hoffentlich Nachfolger ihrer Art finden wird. Aber stopp – da war doch noch etwas: Das Planet Diversity Manifest wurde heute verabschiedet und morgen den Delegierten der Catagena-Protokolls überreicht. Auf dass unsere Inhalte auch bei den EntscheidungsträgerInnen ankommen! Aber bis dahin wird erstmal bis in die Nacht gefeiert.
Presseberichte:
taz.de: Gentechfreie Zonen: Vorreiter ist das Schweizer Volk (15.05.2008)




Warum lehnen die Menschen überall auf der Welt die Gentechnik ab? Mehrere RednerInnen zeigten uns heute morgen ihre Sicht der Dinge. Ein Beispiel, das hoffentlich Schule macht, eröffnete die Runde: Maya Graf aus der Schweiz ließ die Herzen höher schlagen, als sie das schweizer Moratorium beschrieb: Fünf Jahre lang sind weder Anbau noch Import von Gentech-Pflanzen in die Schweiz erlaubt. Die Hälfte der Zeit ist schon rum aber sie hat Hoffnung, dass eine Verlängerung durchgesetzt wird. Denn weder VerbraucherInnen noch die Wirtschaft fragen Gentech-Produkte nach - ganz im Gegenteil: Schweizer Hersteller werben mit ihrer gentechnikfreien Produktion und sehen darin Wettbewerbsvorteile. Trotz allem könne der schweizer Kampf gegen die Gentechnik nur gewonnen werden, wenn das Europa um sie herum auch gentechnikfrei wird. Um die Bewegung zu stärken, lädt die Region zur Konferenz des GMO-free network ein: Auf nach Luzern am 24. & 25. April 2009!
++ Aktuell kommt eine positive Nachricht rein, die die Schweizinnen und Schweizer jubeln lässt: Die Regierung bereitet die Verlängerung des schweizer Moratoriums vor, wie heute der Bundesrat verkündete. Es sieht also gut aus für die weitere Gentechnikfreiheit in der Schweiz! ++
In Indien, berichtete der just eingetroffene Referent, fürchtet man die Gentechnik nicht nur, weil sie eine Bedrohung der Biodiversität und der traditionellen Medizin bedeutet, sondern auch, weil sie Abhängigkeiten schafft und keine Lösung für das Hungerproblem bietet.
Die Vertreterin aus Kolumbien sieht die 27 Maissorten ihrer Region durch die Gentechnik bedroht. Derweil fürchtet man in Russland das schlecht funktionierende Kontrollsystem, obwohl es dort noch keinen GVO-Anbau gibt. Auch die Toskana ist gentechnikfrei.
Die Veranstalter des Workshops zu GVOs in Afrika waren glücklich, nicht nur afrikanische TeilnehmerInnen begrüßen zu dürfen. Das Interesse an dem großen Kontinent ist groß und es wird höchste Zeit, Kampagnen zu starten: Lokale Behörden und Institutionen werden bereits von Biotech-Firmen belagert, in Südafrika und Burkina Faso wird Gentech-Baumwolle angebaut. Kenia entwickelt sich gerade zum Hauptsitz der Biotechnik-Konzerne.
Der Austausch zwischen den Aktiven der Länder motiviert. Auch wenn er nicht immer ganz einfach ist. Spontan werden Übersetzungen improvisiert, wenn nicht alle die gleiche Sprache sprechen. Aber dann geht’s weiter mit dem „Voneinander-lernen“.


Mit einem vollen Saal und kämpferischen Reden startete heute die Konferenz Planet Diversity. Der große Plenar-Saal füllte sich mit etwas Verspätung bis auf den letzten Platz. Benny Haerlin vom Organisationskommittee fand die ersten Worte und war sichtlich gerührt über die vielen Menschen, mit deren Anwesenheit sich ein Traum erfüllte: Im Sommer 2007 entstand die Idee einer weltweiten Konferenz der Vielfalt. Und so standen heute morgen im großen Plenum Träume im Mittelpunkt beim Thema "Paradigma der Vielfalt". Übergangslos ging es weiter in die teilweise überfüllten Workshops, in der Mittagspause verteilten sich die TeilnehmerInnen dann über dem Konferenzglelände. Seit dem wird geschrieben, ausgetauscht, pausiert und wieder diskutiert. "Ein ganz schönes Chaos!" kommentierte ein Teilnehmer aus den USA, "Gar nicht typisch deutsch!". Doch das Chaos beherrscht nur scheinbar die Konferenz. Die Menschen kommunizieren, teilen Ideen und Erfahrungen. Der internationale Austausch fruchtet und soll am Ende der Woche ein gemeinsames Manifest hervorbringen.
Presseberichte:



Die Welt der Vielfalt traf sich heute in Bonn - aus allen Richtungen kamen Menschen an die Rheinauen und versammelten sich zur Auftakt-Kundgebung. Als die Demonstration dann endlich losging, konnten es manche kaum glauben: Ein nicht enden wollender Demozug setzte sich langsam in Gang, sodass die letzten gerade mal loskamen, da waren die ersten schon fast am Ziel. Bunt und gut gelaunt zogen ca. 6000 Menschen durch die Straßen. So weit das Auge reichte, gab es geschmückte Trecker, StelzenkünstlerInnen und selbstgebastelte Banner. Imkerinnen und Imker forderten den Schutz der Bienen, Bäuerinnen und Bauern die Sicherung des Saatguts, Verbraucherinnen und Verbraucher gentechnikfreie Lebensmittel.
Die gelebte Vielfalt setzte sich bei den Redebeiträgen fort: Auf den Bühnen gaben sich AktivistInnen aus aller Welt die Hand. Das Publikum lauschte gebannt, als ein Aktivist der Landlosenbewegung aus Brasilien vom Protest gegen die Gentechnik von Syngenta berichtete, bei dem sein Freund ums Leben kam. Percy Schmeiser berichtete wie so oft von seinem Kampf gegen Monsanto und zeigte sich heute empört darüber, dass hierzulande noch immer das Märchen der Koexistenz propagiert wird. Vandana Shiva erzählte von der biologischen Vielfalt in Indien. Diese, so sagte sie, enthalte alle Schätze, die wir zum Leben brauchen und sei tausend mal wertvoller, als die riskante und teure Gentechnik der großen Saatgutkonzerne.




Wir, Völker von Planet Diversity, versammeln uns, um die reiche biologische und kulturelle Vielfalt zu feiern, die unser Erbe ist, und um unseren Einsatz zu bestätigen, dieses Erbe unvermindert an zukünftige Generationen zu übergeben.
Der evangelische Entwicklungsdienst dreht vor Ort und stellt thematische Video-Clips zusammen:
Lim Li Lin vom Third World Network (TWN) spricht über die Ergebnisse der Verhandlungen zum Biosafety Protocol in Bonn 2008.
eed.de
Farida Akther von Ubinig / Nayakrishi Andolonstellt zwei Bäuerinnen vor. Sie spricht mit ihnen über ihr Verhältniszur Biodiversität und ihre Erfahrungen mit der modernen Landwirtschaft.
eed.de
Ein zentrales Thema bei der jetzt stattfindenden UN-Konferenz zum Cartagena-Protokoll ist die Haftungsfrage bei Schäden durch Gentech-Pflanzen. Die großen Saatgut-Hersteller wie Monsanto und Bayer CropScience haben eine freiwillige Selbstverpflichtung vorgeschlagen. Hier erfahren Sie, warum das nicht reicht!
taz.de: Wofür müssen Gentechnik-Konzerne haften (14.05.2008)
Greenpeace: Wer zahlt für die Schäden durch Gentechnik (13.05.2008)
NGO-Stellungnahme: Die Gentechnik-Industrie darf internationales Recht nicht privatisieren! (14.05.2008)
Forum Umwelt & Entwicklung: Haften für Nichts (14.05.2008)
Die CBD wurde 1992 auf dem UN-Weltgipfel in Rio de Janeiro erlassen. Die Konvention fordert von ihren Vertragsstaaten
1. den Schutz der biologischen Vielfals
2. deren nachhaltige Nutzung
3. eine gerecht Nutzung der genetischen Ressourcen dieser Vielfalt.
Die Frage der Haftung und Entschädigungs beim internationalen Handel mit Gentech-Produkten stehen dieses Jahr zur Diskussion.
Auf der Konferenz 1992 gab es die Einsicht, auch VertreterInnen der Zivilgesellschaft sowie Nichtregierungs- Organisationen an den Verhandlungen teilhaben zu lassen. Diese organisieren jedoch auch ihre eigenen Veranstaltungen sowie dieses Jahr Planet Diversity.
4. Meeting of the Parties = 4. Treffen der Mitgliedsstaaten des Cartagena- Protokolls über biologische Sicherheit, das den Umgang mit GVO im internationalen Handel regelt. Es ist Teil der CBD
9. Conference of the Parties = 9. Treffen der Delegierten aus 190 Vertragsstaaten der Konvention für Biologische Vielfalt (CBD). Offizielle Website der CBD:
Ulrich Brand ist Mitglied der Arbeitsgruppe Sozialökologische Politik in der Bundeskoordination Internationalismus. Im taz-Interview sagt er, was ihn an der UN-Konferenz stört:
taz.de: "Die Biodiversität wird kommerzialisiert" (09.10.2008)
Hauptgrund für die Krise ist die Zerstörung gewachsener Strukturen durch Großkonzerne
derStandard.at
Interview mit Anne Schweigler von der BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie
www.freitag.de
Newsletter bestellen